Lokal Handeln - weltweit: Vernetzungsinitiativen vor und nach Rio
Lokal Handeln - weltweit: Vernetzungsinitiativen vor und nach
Rio
Angesichts der Fülle an Themen und des Umfangs der globalen Aktionsprogramme
scheint der Versuch, all dies auf die kommunale Ebene herunterzubuchstabieren,
zum Scheitern verurteilt. Aber Initiativen für eine Lokale Agenda 21 müssen
nicht bei Null beginnen. In den meisten Städten und Gemeinden existieren ökologische,
soziale und nord-süd-politische Bürgerinitiativen und Bündnisse, die ihre Erfahrung
und Kompetenz in den Lokale Agenda21-Prozeß einbringen können. Viele dieser
Initiativen haben sich bereits vor der Rio-Konferenz zusammengeschlossen, etwa
unter dem Dach von Towns & Development oder des Klima-Bündnisses. Darüber
hinaus sind in den letzten Jahren auf regionaler, nationaler und internationaler
Ebene eine Reihe von Informationsstellen und gemeinsamen Netzwerken entstanden,
deren Ziel es ist, neue lokale Initiativen zu ermutigen und Hilfestellungen
zu leisten.
Towns & Development
Towns and Development (T & D) ist ein internationales Netzwerk kommunaler
Regierungen und NRO im Norden und Süden, das seit 1986 die Zusammenarbeit von
lokalen Verwaltungen und NRO fördert. Die Towns & Development Kampagne hat
bislang zu rund 2000 Partnerschaften zwischen europäischen sowie afrikanischen,
asiatischen und lateinamerikanischen Kommunen geführt. Durch die Zusammenarbeit
mit dem Internationalen Gemeindeverband (IULA, International Union of Local
Authorities), setzt sich T & D auch für die Stärkung der lokalen Ebene (local
goverments) ein. Diese Unterstützung erfolgt über den Aufbau regionaler Netze,
durch die T & D Informationen weiterverbreitet, auf deren Basis konkrete
Programme für nachhaltige Entwicklung auf nationaler und lokaler Ebene ausgearbeitet
werden. Die deutsche "Sektion" von Towns & Development ist die
Kommunale Nord-Süd-Initiative, also die Arbeitsgemeinschaft der kommunalen Spitzenverbände
und der Nichtregierungsorganisationen der Entwicklungshilfe.
Aus der Sicht von Towns & Development können kommunale Regierungen langfristige
Strategien für nachhaltige Entwicklung bürgernäher gestalten als zentrale Regierungen,
denen die lokale Präsenz fehlt. Durch Kooperation und gemeinsames Handeln mit
den Bürgern und Bürgerinnen sowie mit lokalen und internationalen NRO können
kommunale Verwaltungen ihre Programme stärken und gleichzeitig nachhaltiger
konzipieren, da sie von der Bevölkerung vor Ort getragen werden.
Ziele und Grundsätze von Towns & Development sind in der "Charta von
Berlin" und dem dazugehörigen Aktionsprogramm festgelegt, die beide unmittelbar
nach der Rio-Konferenz im Oktober 1992 von Vertretern von Kommunen und NRO aus
Nord und Süd auf einem internationalen Kongreß in Berlin verabschiedet wurden.
Dort wurde festgelegt, daß die Wirkungen kommunalpolitischer Entscheidungen
auf das Nord-Süd-Verhältnis überprüft und das entwicklungspolitische Bewußtseinsarbeit
vor Ort gefördert werden soll.
Der Internationale Rat für Kommunale Umweltinitiativen (ICLEI)
Der mit UN-Unterstützung gegründete Internationale Rat für lokale Umweltinitiativen
(International Council for Local Environmental Initiatives, ICLEI) hat
nach der Rio-Konferenz die Förderung der Lokalen Agenda 21 ins Zentrum seiner
Aktivitäten gestellt. Der Rat initiierte ein "Lokale-Agenda-21-Modellprojekt"
mit Kommunen aus allen Erdteilen und richtete im Mai 1994 die Europäische Konferenz
über zukunftsbeständige Städte und Gemeinden inhaltlich aus, auf der die "Charta
von Aalborg" verabschiedet wurde. Städte wie Berlin, Heidelberg, Dresden,
Neuruppin, Kiel, Lübeck, Nürnberg, Rostock, Freiburg, Saarbrücken und der Landkreis
Mühlhausen haben sich der seit Herbst 1994 bestehenden europäischen "Kampagne
zukunftsbeständiger Städte und Gemeinden" angeschlossen und die Charta
von Aalborg unterzeichnet. In diese Kampagne sind europaweit mittlerweile über
140 Kommunen einbezogen.
Mit der Charta von Aalborg verpflichten sich die Unterzeichnerstädte, die Flächennutzung,
den Verkehr, die Industrieproduktion, die Landwirtschaft, den Konsum und damit
die gesamte Lebensweise am Gebot der Nachhaltigkeit zu überprüfen und langfristig
zu ändern. Unter Nachhaltigkeit versteht die Charta "soziale Gerechtigkeit,
zukunftsbeständige Wirtschaftssysteme und eine nachhaltige Nutzung der natürlichen
Umwelt".
Klima-Bündnis der europäischen Städte mit den indigenen Völkern
Ein Partner im Lokale Agenda 21-Prozeß auf kommunaler Ebene ist auch das 1990
gegründete "Klima-Bündnis der europäischen Städte mit den indigenen Völkern".
Heute sind mehrere hundert Städte europaweit Mitglied. In der Bundesrepublik
leben immerhin 34 Prozent der Bevölkerung in Klima-Bündnis-Kommunen. Städte
und Gemeinden verpflichten sich mit ihrem Beitritt, Treibhausgas-Emissionen
zurückzufahren und z.B. auf die Verwendung tropischer Hölzer bei kommunalen
Bauprojekten zu verzichten.
Im Jahr 1990 haben Vertreter europäischer Kommunen gemeinsam mit Delegierten
der indigenen Völker Amazoniens beschlossen, nicht länger auf internationale
Vereinbarungen der Regierungen zu warten, sondern vor Ort gezielte und konkrete
Maßnahmen einzuleiten, um die klimagefährdenden Emissionen zum Schutz der Erdatmosphäre
zu verringern und gleichzeitig zum Erhalt der Regenwälder beizutragen.
Das Klima-Bündnis hat sich 1992 als Verein konstituiert. Mitglied können grundsätzlich
europäische Kommunen und Landkreise sowie indigene Völker bzw. ihre Organisationen
aus den Regenwaldgebieten der Erde werden. NRO und Bundesländern ist die Mitarbeit
im Verein als assoziiertes Mitglied möglich.
Die konkreten Ziele des Klima-Bündnisses sind eine Halbierung der CO2-Emissionen
bis zum Jahr 2010, Stop für FCKW-Treibgase, der Verzicht auf Tropenholz sowie
die Unterstützung der indigenen Völker im Amazonas-Gebiet bei ihren Bemühungen
um den Erhalt des tropischen Regenwaldes. Dies betrifft vor allem die Sicherung
ihrer Landrechte und die nachhaltige Nutzung ihrer Gebiete. All diese Ziele
sind in dem "Manifest europäischer Städte zum Bündnis mit den Indianervölkern
Amazoniens" festgelegt.
Aufgaben des Klima-Bündnisses sind die Erstellung kommunaler Klimaschutzprogramme
und die gegenseitige Unterstützung der Kommunen bei deren Verwirklichung über
die kommunalen und nationalen Grenzen hinweg. Durch die Zusammenarbeit der Städte
im Klima-Bündnis lassen sich die lokalen Strategien weiterentwickeln, und gemeinsam
kann auf eine Verbesserung der energie- und verkehrspolitischen Rahmenbedingungen
hingewirkt werden. Darüber hinaus erhalten die Regenwaldvölker ein öffentliches
Forum sowie breite Unterstützung für ihre Forderungen.
Zentrum für Kommunale Entwicklungszusammenarbeit (ZKE)
Das Zentrum für Kommunale Entwicklungszusammenarbeit (ZKE) berät und unterstützt
Städte und Gemeinden in Deutschland, die sich für die Umsetzung der Lokalen
Agenda 21 und der Charta von Berlin bereits einsetzen oder dies planen. Wichtig
dabei ist, den Erfahrungsaustausch zwischen den in den Kommunen entstandenen
Nord-Süd-Foren und ähnlichen entwicklungs- und umweltpolitischen Netzwerken
zu fördern. Eine zentrale Dokumentationsstelle soll die umfassende Weitergabe
von Informationen und Auskünften gewährleisten.
Ferner pflegt das Zentrum Kontakte zu kommunalen Spitzenverbänden im In- und
Ausland sowie zu Verbänden der Umwelt- und Entwicklungspolitik, um dadurch die
Zusammenarbeit im Sinne der in der Agenda 21 und der Charta von Berlin formulierten
Zielsetzungen zu fördern. Das ZKE wurde als Nachfolgeeinrichtung des früheren
"Europäischen Büros für kommunale Entwicklungszusammenarbeit" (Mainz)
unter Beteiligung der Stadt Bonn, des Deutschen Städtetages, des Gustav-Stresemann-Instituts
und von Nichtregierungsorganisationen gegründet. Das ZKE setzt die Aufbauarbeit
des Mainzer Büros fort und knüpft an die bisherigen Kongresse der kommunalen
Nord-Süd-Foren Deutschlands an. In der 1996 verabschiedeten "Bonner Erklärung"
werden die Wichtigkeit der Lokale Agenda 21-Arbeit für die kommunale Entwicklungszusammenarbeit
betont und Zehn Schritte zur Umsetzung der Lokalen Agenda 21 formuliert.
Bündnisse gegen den Sozialabbau
In kommunalen Bündnissen gegen den Sozialabbau weltweit haben sich in vielen
Städten Deutschlands, aber auch in anderen europäischen Ländern, von Armut Betroffene
und ihre Organisationen, Selbsthilfegruppen, Wohlfahrtsverbände, Gewerkschaften,
Kirchen, Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen zusammengetan. Vorrangiges
Ziel dieser kommunalen Bündnisse ist es, an dem Ort, wo der Handlungsdruck zur
Bekämpfung von Armut, Arbeitslosigkeit und sozialer Ausgrenzung am größten ist,
dazu beizutragen, die Wirtschafts- und Sozialpolitik vor Ort zu ändern.
Dies geschieht, indem die Bündnisse
- Öffentlichkeit und Sensibilität für die Wahrnehmung von Armut und sozialer
Ausgrenzung und für eine konsequente Armutsbekämpfung schaffen,
- in ihren Städten und Gemeinden ein verbessertes System der Sozialberichterstattung
anstreben, um so die Grundlage für eine wirksame Armutsbekämpfung vor Ort
zu haben,
- konkrete Handlungsvorschläge für die Sozialpolitik vor Ort entwickeln,
- versuchen, Einfluß auf die Prioritätensetzung in der kommunalen Politik
zu nehmen,
- lokale Ökonomie wie Tauschringe etc. fördern und Selbsthilfemaßnahmen und
-projekte unterstützen.
Die Zerstörung der ökonomischen und sozialen Basis und die zunehmende strukturelle
Arbeitslosigkeit, Sozialabbau und öffentliche wie auch private Verschuldung
müssen auf verschiedenen Ebenen integrativ als Resultat globaler Verarmungs-
und Bereicherungsmechanismen erkannt und bekämpft werden. Darüber hinaus will
eine Vernetzung von kommunalen Bündnissen in Deutschland, in Europa und weltweit
zur Verbesserung der Wirtschafts- und Sozialpolitik beitragen. Angestrebt wird
ein Bündel von Maßnahmen - wie die Durchführung gemeinsamer Aktionen, die Entwicklung
gemeinsamer Strategien und das Aufzeigen von Handlungsperspektiven. Voraussetzung
dafür ist die Bereitschaft, voneinander zu lernen, z.B. bei der Entwicklung
neuer Konzepte in der Sozialarbeit, bei der Finanzierung sozialer Leistungen
etc.
Letztlich geht es durch die Vernetzung der lokalen Bündnisse darum, gemeinsam
darauf hinzuarbeiten, daß die globalen Mechanismen, die die Armutsbekämpfung
auf kommunaler Ebene erschweren, behindern oder unmöglich machen, aufgebrochen
werden.
In vielen deutschen Städten haben sich lokale Bündnisse gegen Sozialabbau und
soziale Ausgrenzung zusammengefunden, z.B.
- Aktionskomitee Armes Hamburg
- Bündnis gegen Sozialabbau und Ausgrenzung Berlin
- Armutsbündnis Konstanz
- Armutskonferenz Augsburg
- Bündnis für Solidarität im Solidarpakt Gießen
- Bürgerbündnis Frankfurt/O.
- Forum für kommunale Sozialpolitik Essen
- Forum kommunale Außenpolitik Freiburg
- Initiative für eine Armutskonferenz Leipzig
- Konzertierte Aktion zur Bekämpfung der Armut München
- Kreis-Armutskonferenz Tübingen
- Ökumenische Wohnungshilfe Darmstadt
- Projektgruppe "Armes Aachen" beim Forum der Arbeit
- Runder Tisch "Armes Göttingen"
- Saarländische Armutskonferenz
- Aktionszentrum Osnabrück
- Soziales Bündnis Bielefeld
- Sozialforum Hannover
- Sozialforum Heidelberg
- Sozialpolitische Offensive Frankfurt/M.
- Sozialpolitische Offensive Mannheim
- Sozialpolitische Offensive Ulm
- Sozialpolitischer Ratschlag Braunschweig
- Kreisarmutskonferenz Diepholz.
In Mannheim wurde die Kontaktstelle Kommunaler Bündnisse eingerichtet, die
sich die Vernetzung all dieser Initiativen zum Ziel gesetzt hat (Adresse s.u.).
Landesnetzwerke
Lokale Basisinitiativen, Eine-Welt-Gruppen, Solidaritäts-, Menschenrechts-
und Aktionsgruppen, Städtepartnerschafts- und Kulturinitiativen haben sich zu
Landesnetzwerken (Eine-Welt-Netzwerke o.ä.) zusammengeschlossen, um größere
Außenwirkung zu erzielen. Diese Netzwerke verstehen sich als Vertreter der kleinen
NRO und als regionale Zusammenschlüsse der großen NRO auf Landesebene. Sie fungieren
als Ansprechpartner in Nord-Süd-Fragen für andere gesellschaftliche Gruppen
und für die jeweilige Landesregierung. Die Landesnetzwerke und viele ihrer mehr
als 800 Mitgliedsgruppen haben sich intensiv in den Rio-Folgeprozeß eingeschaltet
und versuchen, auf der Ebene der Bundesländer die Umsetzung der Agenda 21 bzw.
auf der Kommunalebene die Erarbeitung einer Lokalen Agenda 21 voranzutreiben.
Inzwischen gibt es Eine-Welt-Landesnetzwerke in Baden-Württemberg, Bayern,
Berlin, Brandenburg, Hamburg, Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen, Sachsen, Schleswig-Holstein
und Thüringen. Sie stehen als Kontakt- und Beratungsstellen zur Verfügung.
Frauennetzwerke
In der Agenda 21 wird der Beteiligung von Frauen eine besondere Bedeutung zugemessen.
So fordert das Kapitel 24 von den Regierungen der Welt, Frauen an allen Ausarbeitungen
der Lokalen Agenda 21 zu beteiligen und damit ihre Partizipation an Politik
und auf Nicht-Regierungsebene zu stärken. Die wichtigste Frage dabei ist: Wie
können Frauen aus möglichst unterschiedlichen Bereichen in die Lokale Agenda
21-Arbeit einbezogen werden, ohne wieder zur traditionellen "End-of-Pipe"
Aufräumarbeit verdonnert zu werden? Gefordert wird z.B. die Einführung einer
"Frauenverträglichkeitsprüfung" (FVP) für alle Planungsstufen der
Lokalen Agenda.
FrauenUmweltNetz - Life e.V.
Das FrauenUmweltNetz wurde 1993 von Frauen gegründet, die im Umweltbereich
arbeiten. Mit Hilfe des Netzwerkes soll eine gemeinsame Öffentlichkeitsarbeit
und Lobbypolitik entwickelt werden, um eine stärkere Beachtung der speziellen
Betroffenheit von Frauen durch die Verschlechterung der Umweltbedingungen zu
erreichen (Adresse s.u.).
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