Lokale Agenda 21 konkret: So kann sie aussehen
Lokale Agenda 21 konkret: So kann sie aussehen
Soziale und ökologische Nachhaltigkeit in Städten und Gemeinden: Das Ziel einer
Lokalen Agenda 21 ist leicht formuliert. Der Weg ist dagegen um so schwieriger.
Verschiedene Initiativen haben deshalb Gerüste erstellt, an denen sich LA 21-Neulinge
entlanghangeln können. Aber jedes Gerüst muß an die lokalen Gegebenheiten angepaßt
werden - Patentrezepte gibt es nicht. Eine Lokale Agenda 21 ist nie etwas Statisches,
sondern im ständigen Wandel begriffen. Dieser Prozeß ist eher mit einer Spirale,
als mit einem Kreis zu beschreiben: nach jedem Durchlauf muß ein weiterer Schritt
in Richtung Nachhaltigkeit gemacht werden.
Anregungen bieten zum Beispiel das von den Vereinten Nationen 1992 eingerichtete
Sustainable Communities Project, die Projektgruppe Ecological City
der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD),
die von Towns & Development 1992 verfaßte Charta von Berlin und das Local
Agenda 21 Model Programme des Internationalen Rates für Kommunale Umweltinitiativen
(ICLEI). Gemeinsam ist ihnen die Erkenntnis, daß
- sich die lokalen Probleme nicht länger durch Einzelreparaturmaßnahmen beheben
lassen, sondern Lösungen eine ganzheitliche Herangehensweise erfordern,
- eine ressortübergreifende Zusammenarbeit innerhalb der Kommunalverwaltung
hergestellt werden muß,
- die Kommunen über ein hohes Maß an Handlungsfreiheit und Eigenverantwortlichkeit
verfügen müssen, das es ihnen auch ermöglicht, die gesellschaftlichen lokalen
Kräfte in den Prozeß einzubeziehen,
- ein Informations- und Erfahrungsaustausch unter den Städten notwendig ist.
So heißt es in der Charta von Aalborg: "Wir europäischen Städte und Gemeinden
werden gemeinsam in Richtung auf Zukunftsbeständigkeit vorangehen, indem wir
aus Erfahrungen und erfolgreichen kommunalen Beispielen lernen" und "uns
gegenseitig ermutigen, langfristige Aktionspläne (Lokale Agenden 21) aufzustellen".
Regionale oder lokale nachhaltige Entwicklung ist ein Leitbild, das erst in
einem längerfristigen Such- und Abstimmungsprozeß erreicht werden kann und soll.
Der Prozeß ist dabei ebenso wichtig wie das Ergebnis.
Herausforderungen
Die Herausforderungen bei der Erarbeitung einer Lokalen Agenda 21 liegen darin,
- die politisch entscheidenden Personen als Bündnispartner zu gewinnen; dies
kann der Erfahrung nach sehr lange dauern, weil es nicht strategisch planbar
ist, sondern sich langsam entwickelt,
- zielgerichtete Kooperationen mit denjenigen aufzubauen, die auch finanzielle
Entscheidungsbefugnisse haben und Gelder für die Erarbeitung der Lokalen Agenda
21 zur Verfügung stellen können,
- an Vorhandenem anzuknüpfen, an Initiativen, Projekten, Ideen, Netzwerken,
guten Beispielen,
- den Agenda-Gedanken in der breiten Öffentlichkeit zu verankern. Alle Bewohner
sollen sich unter den Begriffen Lokale Agenda 21 und Nachhaltige Entwicklung
etwas vorstellen können und Lust darauf bekommen, sich einzumischen. Der Funke
muß überspringen. Dazu braucht es unorthodoxe und professionelle Öffentlichkeitsarbeit,
unter Umständen auch schrille Aktionen und ungewöhnliche Maßnahmen,
- Abstand nehmen von der Vorstellung, alles zu bündeln und eine umfassende
Agenda-Plattform schaffen zu müssen. Es ist wichtig, die vielfältigen Ansätze
bestehen zu lassen und einzelne Initiativen so zu unterstützen, daß sie nicht
länger alleine arbeiten, sondern Kooperationen mit anderen eingehen. Jede/r
soll in seiner Position einen Beitrag leisten und das tun, was er/sie am besten
kann, und nicht versuchen, alles zu tun. Dabei sind der Informationsaustausch
und -wann immer nötig - die gegenseitige Unterstützung wichtig.
- Die konkrete Verknüpfung von Umwelt-, Entwicklungs- und sozialen Aspekten:
Die lokale Dimension der Nord-Süd-Problematik ist noch wenig erfaßt und nicht
immer einfach zu vermitteln. Darüber hinaus konzentriert sich die kommunale
Umweltpolitik bislang vielerorts eher auf Einzelfragen (Straßenbauprojekte,
Müllverbrennungsanlagen) als auf Strukturfragen, die auch internationale Umweltaspekte
berühren. Hier gilt es, innovative, lokal umsetzbare Ansätze zu entwickeln,
die die globale Situation berücksichtigen, sei es durch die Einführung fair
gehandelter Produkte, sei es durch Austauschprogramme für Arbeiterinnen und
Arbeiter aus Deutschland und Ländern des Südens.
Hemmnisse
Die Erfahrungen zahlreicher Kommunen bei der Erstellung einer Lokalen Agenda
21 zeigen bestehende Hemmnisse auf, die den Prozeß erschweren. Dazu gehören:
- die fehlende Unterstützung durch Entscheidungsträger innerhalb der Kommunalverwaltung
und -politik, insbesondere durch die Führungskräfte, die die Finanzen verwalten;
- die kaum vorhandene Einsicht, daß nicht notwendigerweise zusätzliche Finanzmittel
erforderlich sind, sondern es vielmehr einer Umschichtung der Finanzmittel
bedarf;
- die oftmals ehrenamtliche Arbeit der Akteure mit der Folge einer hohen Fluktuation
und einer geringeren Kontinuität der Arbeit;
- die mangelnde Erfahrung und Kompetenz bei vielen Beteiligten hinsichtlich
geeigneter Formen der Kooperation und der Konsensfindung;
- das zu wenig ausgeprägte Bewußtsein über den Stellenwert neuer gesellschaftlicher
Formen von Kommunikation und Zusammenarbeit, für die es sich lohnt, Geld auszugeben;
- das Selbstverständnis von Entscheidungsträgern in Politik und Verwaltung,
das häufig zu einer mangelnden Wahrnehmung der Bürgerinteressen und deren
Beteiligung an Entscheidungsprozessen führt.
Das Europäische Umweltbüro (EEB, European Environment Bureau), ein Zusammenschluß
europäischer Umweltverbände, erarbeitete einen Leitfaden für die Beteiligung
von NRO bei der Erstellung regionaler Konzepte zur Nachhaltigkeit und zur Lokalen
Agenda 21. Die nachfolgende Checkliste wurde in Anlehnung an diesen Leitfaden
entwickelt und verdeutlicht die gemeinsamen Schritte von NRO und kommunalen
Behörden auf dem Weg zu einer Lokalen Agenda 21. Anregungen für konkrete Aktionen
gibt die Liste auf Seite YY (einfügen s. Kasten Aktionsmöglichkeiten).
Checkliste Kooperation für eine Lokale Agenda 21
1. Identifizierung der Partnerinnen und Partner
- Kommunale Behörden, NRO, Bürgerinitiativen und anderen Gruppierungen identifizieren
gemeinsam die Mechanismen bestehender Entscheidungsfindungsprozesse und mögliche
Partner im Lokale Agenda 21-Prozeß.
Mögliche Partner
Bürger
- Lokale Bürgergruppen (Frauen, Jugendliche, Arbeitslose, Ältere Mitbürger/innen,
Immigrant/innen)
- Gewerkschaften, Verbände (Mietervereine, Berufsverbände etc.)
- Kirchengemeinden, kirchliche Gruppen (konziliarer Prozeß für Gerechtigkeit,
Frieden und Bewahrung der Schöpfung)
- Angestellte in den Kommunen (Lehrer/innen, Mitarbeiter/innen des medizinischen
und sozialen Dienstes, Sozialarbeiter/innen, usw.)
- NRO (Bildung, Umwelt, Entwicklung, Gesundheit, Kultur, Verkehr, Sport, Freizeit,
Jugend)
Öffentliche Einrichtungen
- Stadt- und Gemeindeparlamente
- Kommunale Verwaltung, Nachbargemeinde
- Schulen, Kultur- und Bildungseinrichtungen, Volkshochschulen, Museen usw.
- Bezirksregierung und Länderregierung, Regierungsbehörden
- öffentliche Versorgungsunternehmen und kommunale Eigenbetriebe
- Organisationen, die best. Themen bearbeiten z.B. Wasser, Energie, Wald,
Verkehr, Abfall, Naturschutz usw.
- wissenschaftliche Einrichtungen und Forschungsinstitute.
Privater Sektor
- Industrieunternehmen, Industrie- und Handelskammern
- Kleinere und mittlere Betriebe, Handwerk, Handwerkskammer
- Wohnungsbaugesellschaften
- Grundstücks- und Eigenheimbesitzer, Kleingärtner
- Vertreter der Landwirtschaft
- Handel, Banken, Versicherungen
- Medien (Zeitung, Funk und Fernsehen).
2. Bestandsaufnahme
- Entwicklung und Struktur des Lebensraums (Größe, Topographie, Umwelt etc.)
- Sozialer, wirtschaftlicher und kultureller Rahmen
- Stand der Nord/Süd-Zusammenarbeit und Kenntnisse in der Bevölkerung
- Indikatoren und Standards festlegen (z.B. Ressourcenverbrauch, Armutsentwicklung,
Gesundheit, Beschäftigungsverhältnisse)
- Qualität der städtischen und natürlichen Lebensräume
- Visionen für die zukünftige Entwicklung der Kommune.
3. Konsultation - Phase I
Entwicklung von Visionen und Leitbildern für die nachhaltige Entwicklung der
Kommune.
Dazu gehören:
- Einbeziehung vieler und unterschiedlicher Partner
- Ein demokratischer Prozeß zur Durchführung (Verantwortlichkeit, Transparenz,
gleichberechtigte Beteiligung u.a.)
- Einbindung bereits bestehender Bündnisse und Foren
- Neue Methoden für die öffentliche Diskussion anwenden (Mediation, Planungszellen
o.ä.)
- Planungsprinzipien diskutieren (z.B. Vermeidungs-, Vorsorge-, Verursacher-,
Kooperationsprinzip)
4 . Konsultation - Phase II: Definition der Zielsetzung
Während dieser Phase werden die zuvor erarbeiteten Folgerungen und Beschlüsse
analysiert, Prioritäten gesetzt, Alternativpläne entwickelt und Budgets beschlossen,
insbesondere
- Formulierung konkreter, realisierbarer Ziele (Handlungsoptionen) anhand
der vereinbarten Visionen (Phase I)
- Bündelung der Maßnahmen in Programmen
- Erstellung eines Zeitrahmens zur Erfüllung dieser Ziele
- Folgenabschätzung
- Kalkulation des Budgets zur Umsetzung der Ziele
5. Umsetzung
Die Lokale Agenda 21 geht in die Testphase! Bürgerinnen und Bürger, NRO, Behörden
und private Organisationen müssen einerseits ihren Teil der Verantwortung wahrnehmen
und andererseits in die wesentlichen Entscheidungen - vor allem auch finanzieller
Natur - direkt einbezogen werden.
- Effekte überwachen (erwünschte bzw. unvorhergesehene Wirkungen)
6. Kontrolle, Auswertung und Feedback
- Kontrolle und Auswertung der vereinbarten Umsetzungsziele unter Beteiligung
der NRO und Bürgerinitiativen sicherstellen
- nach Erfolgskontrolle mögliche Änderungen diskutieren
- Information der Bürgerinnen und Bürger über die Ergebnisse
7. Dokumentation des gesamten Prozesses
Eine laufende, öffentlich zugängliche Dokumentation (z.B. in Rathaus, Schulen,
Büchereien) ermöglicht allen Bürgern, sich kontinuierlich über den Prozeß zu
informieren und erleichtert neuen Gruppen den Einstieg in den Prozeß.
Aktionsmöglichkeiten
Die Lokale Agenda 21 bietet Bürgerinitiativen und Kommunen zahllose Möglichkeiten,
aktiv zu werden. Die Schwerpunkte hängen dabei von der sozialen und ökologischen
Situation vor Ort ab. Die folgende Liste, die auf bisherigen Erfahrungen mit
der Lokalen Agenda 21 beruht, liefert einige Anregungen - vollständig ist sie
bei weitem nicht.
- Vorstellung und Beratung des Kapitels 28 der Agenda 21, der Charta von Berlin
und der Charta von Aalborg in den Kommunalparlamenten.
- Initiierung eines Beschlusses des Kommunalparlaments für eine Lokale Agenda
21 mit der Bindung an einen umfassenden Konsultationsprozeß.
- Erstellung einer kommunalen ‘Dritte Welt’- und Umweltbilanz.
- Gründung eines gesellschaftlichen Beirates für Umwelt & Entwicklung.
- Benennung von entwicklungs-, umwelt-, und sozialpolitischen Beauftragten
in den Stadtratsfraktionen und Kirchengemeinden; Einbeziehung bereits bestehender
Stellen
- Einrichtung von Haushaltsstellen für entwicklungs- und umweltpolitische
Bildungs- und Projektarbeit.
- Bildung von Netzwerken und Runden Tischen mit Kommune, Bürgerinitiativen,
Solidaritätsgruppen, Ausländerorganisationen, Gewerkschaften, Arbeitsloseninitiativen,
Kirchen, Behinderteninitiativen, Kinder- und Jugendverbänden und anderen entwicklungs-,
umwelt- und sozialpolitisch aktiven Gruppen.
- Bildung lokaler Netzwerke von Unternehmen mit besonderem sozialem und ökologischem
Engagement.
- Förderung von lokalen Projekten und lokaler Ökonomie (Tauschringe u.ä.).
- Einführung von fair gehandelten Produkten im öffentlichen Bereich (TransFair-Kaffee
in Kantinen etc.).
- Unterstützung kleiner Erzeuger-Verbraucher-Kreisläufe (z.B. durch Verwendung
ökologisch angebauter landwirtschaftlicher Produkte aus der Region in öffentlichen
Großküchen)
- Nutzungsverbot von Tropenholz in öffentlichen Gebäuden.
- Energiesparmaßnahmen in öffentlichen Gebäuden, Förderung regenerativer Energiequellen;
Förderung des Ökologischen Bauens.
- Mitgliedschaft im Klimabündnis.
- Einbeziehung von Unternehmen des öffentlichen Personennahverkehrs, Kampagne
"Mobil ohne Auto", Jobtickets o.ä., Erstellung von Rad-Wege-Konzepten.
- Unterstützung von Car-Sharing, u.a. durch die Bereitstellung öffentlicher
Flächen.
- Erweiterung der Bürgerbeteiligung bei der Stadt- und Bauplanung.
- Durchführung von Umwelt- und Entwicklungstagen zu bestimmten Themenschwerpunkten
(Müll, Wasser, Verkehr, Handel, Migration, Wohnflächenkonsum u.a.).
- Unterstützung von Unternehmensgründungen und neuen Arbeitsplätzen im sozialen,
ökologischen und entwicklungspolitischen Bereich (durch Beratungsstellen,
Gründerzentren usw.).
- Unterstützung von Schulpartnerschaften, Austauschprogramme mit Ländern der
Dritten Welt.
- Lehreraus- und Fortbildung, Unterstützung des Lehrpersonals mit Materialien
aus dem Nord-Süd- und Umweltbereich.
- Verstärkung der Erwachsenenbildung, Nutzung der Möglichkeiten der Volkshochschulen
und kirchlichen Bildungseinrichtungen.
- Aktionen in den Stadtteilbibliotheken zu umwelt-, entwicklungs- und sozialpolitischen
Themen.
- Überprüfung und Diskussion der Verkehrskonzeption, der Wassernutzung, der
Abfallregelung und der Wohnungsbauförderung in Hinsicht auf ihre lokale und
globale Verträglichkeit.
- Verstärktes Einbringen von frauenspezifischen Interessen.
- Alle anstehenden Investitionen sollten nicht nur einer Umweltverträglichkeitsprüfung,
sondern auch einer Entwicklungsverträglichkeitsprüfung unterzogen werden.
- Regelmäßige Berichte über die Lokale Agenda-Arbeit in der Lokalpresse, Nutzung
der Neuen Medien.
Initiativen für eine Lokale Agenda 21 sind von Stadt zu Stadt verschieden.
Sie starten von unterschiedlichen Ausgangssituationen, sind unterschiedlich
motiviert und werden von unterschiedlichen gesellschaftlichen Gruppen getragen.
Städte wie Osnabrück haben bereits lange vor 1992 begonnen, ihre kommunalen
Beziehungen zum Süden zu überdenken und setzen die begonnene Arbeit nun fort.
In anderen Städten, z.B. Köpenick, haben sich bald nach dem Erdgipfel von Rio
Bürgerinitiativen gebildet, die ihre Arbeit bewußt auf die Erstellung einer
Lokalen Agenda 21 ausrichteten. In anderen Städten, wie in München, setzte dieser
Prozeß erst später ein und ist noch in der Aufbauphase.
Beispiel Osnabrück
Kommunen sind mit den Auswirkungen der Fehler und Versäumnisse internationaler
und nationaler Politik - oft unvorbereitet - konfrontiert und haben die Lasten
von Fluchtbewegungen, Umwelt- und Energieproblemen zu tragen. In Osnabrück ist
dadurch der Wille bei Politikern und Bürgern gewachsen, präventiv zu handeln.
So ist in den letzten zehn Jahren eine konstruktive Zusammenarbeit der Stadt,
vertreten durch das Kulturamt und das Aktionszentrum Dritte Welt und der Bundesgeschäftsstelle
von terre des hommes entstanden. Durch einen Beschluß des Rates der Stadt wird
beispielsweise das Mupfure College, ein Berufsbildungsprojekt in Zimbabwe, unterstützt.
Diese Kooperation von Politik, Verwaltung, entwicklungspolitischen Experten
und Bürgerinitiativen hat dazu geführt, daß der Rat der Stadt Osnabrück ein
Konzept für kommunale Entwicklungszusammenarbeit verabschiedet hat. Das Konzept
beschreibt kommunale Handlungsfelder von der Energie- und Umwelt- bis hin zur
Bildungs- und Kulturpolitik. Es formuliert das Bemühen der Stadt, die eigene
Politik stärker in globale Zusammenhänge einzuordnen. Die Osnabrücker Konzeption
versteht entwicklungspolitische Arbeit als Querschnittsaufgabe und zeigt beispielhafte
Organisations- und Arbeitsstrukturen auf, um die notwendige Kontinuität sicherzustellen.
Die entwicklungspolitische Arbeit in Osnabrück wurde Anfang 1994 durch die
Schaffung des "Büros für Kommunale Entwicklungszusammenarbeit" institutionalisiert.
Dort arbeiten Vertreterinnen und Vertreter von terre des hommes, dem Aktionszentrum
Dritte Welt und des Kulturamtes unter Beratung von seiten der Universität. Zu
den Aktivitäten des Büros gehört unter anderem die Information der Bürger zu
Fragen von Umwelt und Entwicklung. Diese Form eines Querschnittsgremiums zwischen
Stadt und NRO war bis dahin in der Bundesrepublik einmalig und hat Osnabrück
bundesweit viel Lob eingetragen. Mit der Veröffentlichung einer "Dritte-Welt-Bilanz"
erreichte die kommunale Entwicklungsarbeit in Osnabrück 1995 eine neue Stufe.
Dieser Bericht, an dem verschiedene Arbeitsgruppen beteiligt waren, dokumentiert
exemplarisch die Ebenen der Beziehungen zwischen Osnabrück und "dem Süden"
und stellt die Frage nach Handlungsansätzen und Alternativen. Seit dem Frühjahr
1995 befaßt sich schließlich eine Arbeitsgruppe mit der Konzeption einer Lokalen
Agenda 21 für Osnabrück. Für 1997 sind drei inhaltliche Schwerpunkte vorgesehen:
1. Die Erstellung einer Studie zur Bestandserhebung "agendakonformer"
Projekte und Aktivitäten. In dieser Studie sollen u.a. die bestehenden Vernetzungsstrukturen
analysiert werden, eine Stärken-Schwächen-Analyse vorgenommen und Indikatoren
für Nachhaltigkeit entwickelt werden; 2. Aufbauend auf dieser Studie sollen
bestehende Pläne der Stadt, so zur Stadtentwicklung, zum Verkehr etc., auf ihre
Nachhaltigkeit überprüft und, falls nötig, Modifizierungsvorschläge erarbeitet
werden; 3. Unter dem Titel "Lebenswertes Osnabrück" soll das Thema
Wohnen in den Mittelpunkt der Umsetzung einer Lokalen Agenda 21 gerückt werden.
Beispiel Berlin-Köpenick
Im Sommer 1993 entstanden erste Initiativen zur Lokalen Agenda 21 Köpenick.
Ein wichtiger Ansatz des sogenannten Köpenicker Modells liegt darin,
daß in einem öffentlichen Forum Umwelt und Entwicklung Köpenick eine
Reihe wesentlicher örtlicher Akteure, Interessengruppen, Parteienvertreter,
Unternehmer usw. kooperieren. Die Impulse gingen dabei von zwei örtlichen Bereichen,
den Kirchen(gemeinden) und der Kommune (Ämter, Kommunalparlament) aus, die in
besonderer Weise auf Einstellungen und Verhalten der Einwohner wirken. Es ergaben
sich drei "Säulen" des Modells: Bezirksverwaltung - Öffentlichkeit
- Kirchengemeinden.
Bezirksverwaltung
Im Umweltamt wurden im Oktober 1993 zwei Mitarbeiterstellen (AFG-Maßnahmen)
für den Bereich Umwelt und Entwicklung eingerichtet. Im Oktober 1994 wurde in
der Bezirksverordnetenversammlung der Beschluß gefaßt, eine Lokale Agenda für
Köpenick aufzustellen. In der Verwaltung wurden daraufhin den einzelnen Abteilungen
konkrete Aufgaben für die Erarbeitung und Umsetzung der lokalen Agenda Köpenick
zugeordnet. Nach einem längeren Diskussionsprozeß und nach Vorlage eines ersten
Arbeitsentwurfs im September 1996 wird z. Zt. unter Federführung des Umweltamtes
der zweite Entwurf einer Lokalen Agenda 21 Köpenick ausgearbeitet.
Öffentlichkeit
Plattform für die Öffentlichkeit ist das Forum Umwelt und Entwicklung Köpenick.
Es versteht sich als offene Basis für alle gesellschaftlichen Kräfte, die an
einer Lokalen Agenda 21 Köpenick mitarbeiten wollen. Seine Aufgaben sind vor
allem Informationsaustausch und Zusammenarbeit zwischen
- Bürgerinitiativen und -vereinen,
- Umwelt- und Eine-Welt-Gruppen,
- Mitarbeiter/innen lokaler Behörden,
- Bezirksverordneten, Mitgliedern von Parteien,
- ortsansässigen innovativen Wirtschaftsbetriebe und -verbänden,
- Bildungseinrichtungen und Schulen,
- Kirchengemeinden und ökumenischen Gruppen
mit dem Ziel einer nachhaltigen Entwicklung des Bezirks Köpenick und zum Entwurf
einer Lokalen Agenda 21.
Die erste Zusammenkunft des Forums fand am im Herbst 1994 statt. In den bisher
zwölf Zusammenkünften standen Themen wie Klimaschutz durch Energiesparen, nachhaltige
Wirtschaftsentwicklung und Entwicklungszusammenarbeit (Städtepartnerschaft,
angepaßte Technologie) im Vordergrund. Das Forum Umwelt und Entwicklung Köpenick
hat Arbeitsgruppen zu folgenden Themen gebildet:
- Verkehr / Stadtplanung / Umwelt / Naturschutz / Tourismus
- Energie / Ressourcen
- Abfallvermeidung
- Wirtschaft
- Soziales
- Umweltbildung
- Nord-Süd-Partnerschaft.
Kirchengemeinden
Im Sommer 1993 bildete sich die "Köpenicker Initiativgruppe Eine Welt",
die sich als Arbeitsgruppe zur Beschleunigung des Prozesses zur Erarbeitung
der Lokalen Agenda in Köpenick versteht. Ausgangspunkt für ihre Initiativen
sind ähnliche Ansätze bei den Empfehlungen der Agenda 21 und den Beschlüssen
der "Ökumenischen Versammlungen" der Kirchen zu "Gerechtigkeit,
Frieden und der Bewahrung der Schöpfung". Die Initiativgruppe bereitet
seit 1993 Ökumenische Foren zum Thema Umwelt und Entwicklung vor, die vierteljährlich
stattfinden und zu der alle Kirchengemeinden und Gruppen Köpenicks eingeladen
sind.
Im Oktober 1996 wurden konkrete Schritte eingeleitet, um eine Städtepartnerschaft
mit der peruanischen Stadt Cajamarca zu initiieren. Nach gegenseitigen Besuchen
wird Ende 1997 ein Kooperationsabkommen mit der ca. 100.000 Einwohner/innen
zählenden Stadt in den nördlichen Anden abgeschlossen werden. Ebenso wie Köpenick
hat Cajamarca bereits eigenständig Entwürfe einer Lokalen Agenda ausgearbeitet
und Strukturen für deren Umsetzung geschaffen. Beginnen soll nun ein gegenseitiger
Lernprozeß und Know-how-Transfer. Unterstützt wird dieser Austausch durch Programme
der Carl-Duisberg-Gesellschaft.
Anzumerken ist, daß der Berliner Bezirk Köpenick nicht einer Kommune gleichzusetzen
ist. Dennoch erfordern die bisherigen Handlungsdefizite bei der Erarbeitung
einer Lokalen Agenda 21 für Gesamt-Berlin eine solche bezirkliche Vorgehensweise.
Fast alle Berliner Bezirke sind dem Köpenicker Vorbild mittlerweile gefolgt
und haben sich zu ersten Schritten entschlossen.
Beispiel München
Mit Beschluß vom 29. Mai 1995 beauftragte der Stadtrat das Umweltschutzreferat,
eine Lokale Agenda 21 zu entwickeln und dafür ein "Forum zur nachhaltigen
Entwicklung Münchens" einzurichten. Das Forum ist mittlerweile an der Volkshochschule
angesiedelt und bildet die "Bürger/innen-Öffentlichkeit" - das Einlaßtor
zur Lokalen Agenda. Dort werden seit der Sommerpause 1995 Diskussionsveranstaltungen
durchgeführt zu den Themen "Perspektive München - Stadtentwicklungsplan
und Lokale Agenda", "Wohnen ohne Auto", "CO2-Minderung"
und "Nachhaltiges Wirtschaften". Auch richtete das Umweltschutzreferat
ein Agenda-Büro ein, das die Arbeit in der Kommunalverwaltung koordiniert und
die Informationsvermittlung dafür sicherstellt. Daran beteiligt sind neben dem
Umweltschutzreferat auch das Kultur-, Schul-, Kommunal- sowie das Planungsreferat
der Stadt.
Die nächste Stufe des Agenda-Prozesses bilden Fachforen aus Laien und Experten,
die als moderierte Prozesse durchgeführt werden. Ihre Ergebnisse gelangen zusammen
mit denen aus dem Bürger-Forum zum Beirat, einem mit 44 Personen aus der Stadt
besetzten Gremium, sozusagen einer VIP-Arbeitsgruppe, die dem Prozeß ein stark
gesellschaftspolitisches Gewicht verleihen soll. Derart diskutiert, werden die
Ergebnisse dann im Lenkungskreis, der sich aus Vertretern aller Gremien zusammensetzt,
abschließend behandelt und als Vorschläge an den Stadtrat weitergeleitet. Für
die Fachforen wurden für 1996 und 1997 die Themen Eine Welt, Wohnen & Siedlungsformen
& Mobilität, Arbeit & Wirtschaft, Konsummuster, Lebensstil & Gesundheit
beschlossen.
Daß nicht nur Positives aufzulisten ist, gibt Angelika Lintzmeyer vom Agenda-Büro
der Stadt München zu: So fehlen Finanzmittel und Zeit für die Bürgerbeteiligung.
Des weiteren sind die Verwaltungsmitarbeiter kaum geschult, mit Bürgern umzugehen.
Sie beherrschen wichtige Arbeitsmethoden der Partizipation nicht, wie Zukunftswerkstätten,
Moderation oder Mediation. Die VHS plant einen Kurs in "Bürgerbefähigung".
Dort soll gelernt werden, wie sich Bürger beteiligen und Pläne lesen können
und wie ein Planungsverfahren abläuft. "Das ist eigentlich Basiswissen
in unserer Demokratie. Aber es wird nirgendwo vermittelt." - Ein Kurs in
"Verwaltungsbefähigung" fehlt jedoch noch.
Darüber hinaus ist es bisher kaum gelungen, die Wirtschaft in die Arbeit mit
einzubeziehen, obgleich der Wirtschaftsreferent der Stadt großes Interesse an
der Lokalen Agenda bekundet hat und Veranstaltungen zum nachhaltigen Wirtschaften
durchgeführt werden. So durch das Global Challenges Network, das in den vergangenen
Jahren die "Münchener Wirtschaftsgespräche" führte, während die Grünen
zu "Umweltgesprächen mit der Wirtschaft" einluden. "Wir haben
es noch nicht geschafft, diese Kreise zusammenzubringen. Das fängt erst jetzt
langsam an". Darüber hinaus besteht das Problem der noch mangelnden politischen
Relevanz: "Kein BMW-Vorstand wird sich so ohne weiteres ins Bürger-Forum
setzen und mit uns diskutieren. Bevor so etwas geschieht, brauchen wir ein erheblich
größeres politisches Gewicht."
Beispiel Dörverden
Dörverden ist eine ländliche Gemeinde mit ca. 10.000 Einwohner/innen in Niedersachsen.
Die Gemeinde ist stark von der Umstrukturierung der Bundeswehr und dem damit
verbundenen Truppenabzug betroffen, neue Wirtschaftsimpulse durch Ansiedlung
von Industrie- und Gewerbebetrieben sind unwahrscheinlich. Im Dezember 1994
beauftragte die Gemeinde das Regionalplanungsbüro mensch & region aus Hannover
mit der Entwicklungsstudie Dörverden 2020. Mit Hilfe von Moderation und wissenschaftlicher
Begleitung wurden Bürger und Bürgerinnen aktiviert, sich an diesem Prozeß zu
beteiligen, wurden Entwicklungspotentiale der Gemeinde ermittelt und Handlungsvorschläge
erarbeitet. Über 150 Bürger und Bürgerinnen nahmen regelmäßig an der Arbeit
in sechs Arbeitsgruppen teil. Nach einem Beschluß der Gemeinde wurde die Studie
und damit das Leitbild einer nachhaltigen Gemeinde angenommen. Die angenommenen
Leitlinien lauten: 1. Sicherung der nachhaltigen Landnutzung, 2. Förderung einer
ökologischen, innovativen Wirtschaft und Energieversorgung, 3. Langfristiger
Ausbau des Fremdenverkehrs, 4. Gemeinwesen- und Kulturförderung, 5. Behutsame
Siedlungserweiterung, 6. Ausbau der kooperativen Verwaltung und 7. Ressourcenschutz.
Alle zukünftigen Entscheidungen des Gemeinderats müssen mit dem Leitbild rückgekoppelt
werden, die Arbeitsgruppen haben Antragsrecht für die Sitzungen des Gemeinderats.
Als erstes wurde mit großem Erfolg ein Wochenmarkt für regionale Produkte eingeführt,
ein selbstverwalteter Jugendtreff wurde eingerichtet und Angebote für einen
umweltverträglichen Tourismus entwickelt. Als nächstes ist die Wiedereröffnung
des Bahnhofs angestrebt.
Die Entwicklung einer Lokalen Agenda 21 ist nicht allein Sache der Städte des
Nordens. Auch in Afrika, Asien und Lateinamerika gibt es inzwischen eine Vielzahl
derartiger Initiativen. Das Beispiel Dakar zeigt, mit welch gravierenden ökologischen
und sozialen Problemen die Menschen dort bei der Ausarbeitung einer Lokalen
Agenda 21 konfrontiert sind.
Beispiel Dakar, Senegal
Dakar im Senegal hat über 1,8 Millionen Einwohner und liegt an der westafrikanischen
Küste. Die Stadt wird durch folgende Merkmale gekennzeichnet:
- 90% der senegalesischen Industrie ist in Dakar angesiedelt;
- die Stadt verbraucht 80% des Wassers Senegals;
- 27% der Bewohner sind an die Müllentsorgung angeschlossen;
- 5% der Abwässer werden behandelt;
- 60% der Festabfälle werden entsorgt (täglich fallen etwa 900 Tonnen Abfall
an);
- die Arbeitslosenquote liegt bei 30%;
- das monatliche Durchschnittseinkommen beträgt 100 US-$,
- die jährliche Wachstumsrate beträgt 7%;
- immer größere Teile der Spontansiedlungen sind ohne städtische Versorgung
und ohne Infrastruktur.
Dakar hat zwar keine Lokale Agenda 21 angenommen, hat aber mit Sustainable
Dakar ein Programm auf den Weg gebracht, das ähnliche stadtplanerische Elemente
enthält, wie sie auch von LA21-Initiativen verfolgt werden. Dazu gehören Partnerschaften,
Prioritätensetzung mit den Bürgern und städtische Umweltverträglichkeitsprüfungen.
Sustainable Dakar hat als Grundlage für eine städtische Umweltmanagementstrategie
zuerst die Umwelt und die Umweltdienstleistungen bewertet. Dazu wurde die von
der Weltbank, dem UNDP und dem UNCHS Urban Management Programme entwickelte
Rapid Urban Environmental Assessment Methode (RUEA) herangezogen. Die ersten
Schritte des RUEA umfassen:
- Sammlung grundlegender Umweltdaten durch lokale Experten,
- Ausarbeitung eines städtischen Umweltprofils oder eines Berichtes zur Lage
der Umwelt,
- öffentliche Anhörungen mit dem Ziel, Prioritäten zu setzen und allgemeine
Strategien zu entwickeln,
- Festlegung politischer Verpflichtungen,
- Erstellung eines Umweltmanagementplans.
Im März 1993 trafen sich 90 stakeholders aus 70 Organisationen, um sich
über ein Verfahren für die Erarbeitung eines Umweltprofils der Stadt Dakar zu
einigen. Die Gruppe umfaßte die Stadtverwaltung, den formellen und informellen
Sektor, NRO, Universitäten und Geberorganisationen. Eine Kernberatungsgruppe
übernahm die Leitungsaufgaben. Es wurde beschlossen, die RUEA-Indikatoren als
Basis des Umweltprofils heranzuziehen. Zwei Gruppen lokaler Experten erstellten
das Dakar Profil in Zusammenarbeit mit den stakeholders.
Im Rahmen einer zweiten öffentlichen Anhörung im Oktober 1993 wurden das Dakar
Profil beraten, Prioritäten gesetzt und eine allgemeine Handlungsstrategie formuliert.
Zwei Problembereiche wurden identifiziert: die Verschmutzung der Hann Bucht
und das Risiko für menschliche Gesundheit und Umwelt durch die Industrie. Beide
Problembereiche wurden eingehend untersucht, und im Oktober 1994 wurden der
Gesamtgruppe zwei Berichte vorgelegt. Politische Verpflichtungen, diese Probleme
anzugehen, wurde im Laufe der Konsultationen erreicht.
Derzeit entwickeln zwei Arbeitsgruppen Aktionspläne zu beiden Problembereichen.
Die Kernberatungsgruppe sichert die nötigen finanziellen und technischen Ressourcen
zur Umsetzung der Aktionspläne.
(Oumar Cissé, Stellv. Direktor, Urban Community of Dakar)
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