Die Agenda 21
Nachhaltige Entwicklung von unten
Die Agenda 21
Auf dem internationalen politischen Parkett ist die Agenda 21 ein Novum: Sie
formuliert nicht einfach ein Ziel - nachhaltige Entwicklung - und überläßt dessen
Verwirklichung den Regierungschefs und -chefinnen, sondern sie fordert die Einbindung
der Gesellschaft. Bürger und Bürgerinnen und kommunale Verwaltung sollen gemeinsam
eine Lokale Agenda 21 (LA21) erstellen, die den Weg zu einer zukunftsfähigen
Gemeinde beschreibt. Zum ersten Mal wird damit in einem UN-Dokument die zentrale
Rolle der Nichtregierungsorganisationen, der Verbände und der Kommunen klar
herausgestellt. Den Initiativen auf lokaler Ebene, seien es Dritte-Welt-Gruppen
oder Hilfsorganisationen, Nord-Süd-Städtepartnerschaften oder Städtebündnisse
im Umweltbereich, Kirchen, Stadtteilinitiativen oder soziale Bündnisse, gibt
damit die Agenda 21 einen gemeinsamen Bezugspunkt. Das Aufregende - und die
politische Sprengkraft - an der Lokalen Agenda 21 liegt in der Tatsache,
daß unter dem zentralen Stichwort "Konsultationen" neue Formen der
Partizipation, also der Beteiligung der Bürger an politischen Entscheidungen
auf kommunaler Ebene, möglich werden.
Obwohl kein völkerrechtsverbindliches Dokument hat die Agenda 21 eine große
politische Ausstrahlung entfaltet. Das Herzstück der Rio-Konferenz benennt in
mehr als 40 Einzelkapiteln Handlungsfelder und Leitgedanken für die Lösung der
öko-sozialen Probleme im nächsten Jahrhundert. Die einzelnen Kapitel sind ein
Referenzrahmen für politische Initiativen geworden. Die Agenda 21 macht deutlich,
daß nachhaltige Entwicklung, Armutsbekämpfung und die Erhaltung der Umwelt nicht
möglich sind, ohne die Beseitigung von Ungleichheiten zwischen den Bevölkerungsgruppen
und den Geschlechtern. Im Kern ist sie eine Aufforderung an Politik, Wirtschaft
und die verschiedenen Sektoren der Zivilgesellschaft, die ökologische und soziale
Krise endlich als Herausforderung für politisches Handeln auf allen Ebenen zu
betrachten.
Kapitel 28 hält die Bedeutung der Kommunen für die Umsetzung der Ergebnisse
von Rio fest und fordert sie auf, eigene Aktionspläne für das 21. Jahrhundert
zur Lösung der Probleme auf lokaler Ebene zu entwickeln. "Als Politik-
und Verwaltungsebene, die den Bürgern am nächsten ist," heißt es, "spielen
(die Kommunen) eine entscheidende Rolle bei der Information und Mobilisierung
der Öffentlichkeit und ihrer Sensibilisierung für eine nachhaltige umweltverträgliche
Entwicklung." Bis Ende 1996 sollten deshalb die Kommunalverwaltungen gemeinsam
mit den Bürgern und Bürgerinnen einen Konsultationsprozeß starten und möglichst
auch einen Konsens über Ziele und Leitbilder einer Lokalen Agenda 21 erzielt
haben. Im Vergleich zu Großbritannien, Dänemark oder den Niederlanden ist dieser
Prozeß in der Bundesrepublik bisher allerdings eher schleppend verlaufen.
Akteure
Die Initiativen für eine Lokale Agenda 21 gehen von sehr verschiedenen Akteuren
und Akteurinnen aus. In einigen Städten sind es Nord-Süd- oder Umweltgruppen,
die die Idee einer Lokalen Agenda vorwärtstreiben, in anderen sind es die Kommunalverwaltungen
selbst, die die Rio-Beschlüsse aufgegriffen haben. Vor allem Umweltdezernenten
und Organisationen aus dem umweltpolitischen Bereich erwarten sich von der Arbeit
mit der Lokalen Agenda neue Impulse für die Umweltdebatte vor Ort und die (Re)vitalisierung
der existierenden Städtebündnisse. Klar ist: Nur eine Wechselbeziehung zwischen
gut organisierten kommunalen Bürgerbündnissen und einer Verwaltung, die den
Prozeß politisch und finanziell unterstützt - so zeigen bisher gemachte Erfahrungen
in den Kommunen - bringt auch Erfolge.
Bürgerbündnisse
Kapitel 28 der Agenda 21 fordert explizit den Dialog und die Konsultation mit
den Bürgern, mit örtlichen Organisationen und der Privatwirtschaft. Darüber
hinaus wird in Kapitel 27.1 der Agenda 21 die Rolle der Nichtregierungsorganisationen
betont. Dort, wo die die Kommunen nicht von sich aus den Prozeß zu einer Lokalen
Agenda 21 anstoßen, haben Bürgerinitiativen, engagierte Individuen oder bereits
existierende Zusammenschlüsse verschiedener ökologisch, kirchlich und/oder entwicklungspolitisch
orientierter Gruppen und Organisationen begonnen, entsprechende Ratsbeschlüsse
einzufordern und die Öffentlichkeit darüber zu informieren. Sie formulieren
Ziele und Elemente einer Lokalen Agenda 21 und starten Runde Tische, um vor
Ort den Dialog mit den verschiedenen Akteuren aus der Politik, der Wirtschaft
und den diversen Verbänden zu gestalten.
Lokale Politik von heute ist nicht nur die lineare Fortentwicklung kommunaler
Politik von gestern. Umweltfragen wie globale Beziehungen lokaler Akteure sind
zu entscheidenden wirtschaftlichen und sozialen Faktoren unserer Gesellschaft
geworden, die Reichweite lokalen Handelns hat sich stark verändert und zugenommen.
Ein Lokaler Agenda21-Prozeß kann eine Dynamik nur entfalten und beibehalten,
wenn er von einer gut organisierten Basis mit einem langen Atem und einem hohen
Maß an Konfliktfähigkeit getragen wird. Eine solche Basis bietet die Möglichkeit,
den erforderlichen politischen Druck zu aktivieren, um Verhaltensänderungen
vor Ort - und langfristig darüber hinaus - im Sinne einer zukunftsfähigen Gesellschaft
zu erreichen
Chancen
Neue Formen der Bürgerbeteiligung
Keine der großen UN-Konferenzen der letzten fünf Jahre hat eine solch mobilisierende
Wirkung gerade auch auf der nationalen und kommunalen Ebene erzielt wie die
Rio-Konferenz. Ihre Leitgedanken "nachhaltige Entwicklung" und "Partizipation"
zur Lösung der ökologischen und sozialen Probleme sind zwar einerseits weitgehend
Appelle an den politischen Willen der Entscheidungsträger in Politik und Gesellschaft
geblieben, sie haben aber andererseits die Menschen vor Ort zum Handeln animiert.
Ein realistischer Umgang mit den Chancen und Grenzen einer Lokalen Agenda 21
birgt eine echte Möglichkeit, auf der lokalen Ebene Handlungs- und Konfliktfelder
für eine ökologische und soziale Zukunftsfähigkeit aufzuspüren. Strukturelle
Fragen im Rahmen einer Lokalen Agenda 21 zu diskutieren und vor allem die Betroffenen
vor Ort in ihrer sozialen Situation (Standort- und Arbeitsplatzfragen) in diesen
Diskussionsprozeß miteinzubeziehen, ist ein ehrgeiziges Unterfangen, das sich
nur langfristig und nicht mit schnellen Aktionsplänen erledigen läßt. Die gängigen
Entscheidungsstrukturen in Politik und Wirtschaft nehmen Umwelt-, Nord-Süd-
und Sozialpolitik nicht als Querschnittsaufgabe wahr. Lokale Aktionspläne und
institutionalisierte Zusammenhänge wie Runde Tische, ein kommunales Agenda-Büro
wie in Hannover oder das Bilanzprojekt Berlin 21 können dazu beitragen, diese
Herausforderung anzunehmen.
Wenn es - wie z.B. in Osnabrück - gelingt, in diesem Prozeß auch eine Dritte-Welt-Bilanz
("Von welcher Qualität sind die Beziehungen der Osnabrücker Firmen zu den
Ländern der Dritten Welt?") zu erstellen, kann kommunale Nord-Süd-Politik
durchaus mehr sein als die abstrakte Proklamation weltweiter sozialer Gerechtigkeit
oder rein karitatives Engagement.
Die LA 21-Initiativen bieten die einmalige Chance, Lernprozesse zu organisieren.
Partizipation muß kein abstraktes Konzept mehr sein, wenn sie politisch gewollt
und eingefordert wird. Die Auseinandersetzung um die Lokale Agenda 21 ist ein
Testfall für intensive Bürgerbeteiligung. Im Dialog, in der Konsultation mit
Entscheidungsträgern, in der kommunalen Verwaltung und auch mit der lokalen
Privatwirtschaft können Berührungsängste abgebaut und wichtige Informationen
über unterschiedliche Perspektiven einer zukunftsfähigen Entwicklung ausgetauscht
werden. Damit findet wertvolles politisches Lernen vor Ort statt, ohne daß bestehende
Interessengegensätze zwischen den einzelnen Akteuren verwischt werden müssen.
Probleme
Ob in bezug auf die Reduzierung des Energie- oder Landschaftsverbrauches, die
Stärkung des Bewußtseins für Umwelt- und Entwicklungsfragen oder die Sensibilisierung
für soziale Fragen, eine Lokale Agenda 21 kann die Interessenskonstellationen
in der Kommune sichtbar machen. Darüber hinaus gilt es, einige weitverbreitete
Hemmnisse und Widerstände zu überwinden.
Informationsdefizit
Ein Großteil der Bevölkerung und der Stadt- und Gemeinderäte ist immer noch
zuwenig über die Existenz der Agenda 21 und ihrer Bedeutung für die kommunale
Ebene informiert. Als Dokument einer UN-Konferenz scheint sie die Belange der
Bürger und Bürgerinnen und der Kommunen nicht zu berühren. Gerade der Verwaltung
- so scheint es - fällt es schwer, lokales Handeln in den globalen Zusammenhang
zu stellen. Hier muß der Stellenwert von Bildungs- und Öffentlichkeitsarbeit
deutlich erhöht werden. Parallel dazu müssen mehr Menschen offensiv über Gestaltungs-
und Mitbestimmungsmöglichkeiten in der Kommunalpolitik informiert und aktiv
miteinbezogen werden.
Enge Handlungsspielräume der Kommunalverwaltung
Dort, wo der Prozeß für eine Lokale Agenda 21 bereits begonnen hat, zeigen
sich in der Praxis sehr schnell Probleme und Hemmnisse. Neben den begrenzten
Handlungskompetenzen der Kommunen und der Tendenz zum Abbau der lokalen Kontrolle
durch die Bundesgesetzgebung setzt die Finanzkrise der personellen und finanziellen
Unterstützung enge Grenzen. Auch die Umsetzung der in den Städtebündnissen eingegangenen
Verpflichtungen stößt an Grenzen und verweist auf Konflikte, fehlenden politischen
Durchsetzungswillen und Handlungsbeschränkungen auf der kommunalen Ebenen.
LA21 als Lippenbekenntnis
Die zahlreichen Beitritte zum Klimabündnis haben gezeigt, daß Bürgermeister
und Stadträte das unverbindliche Lippenbekenntnis für eine "gute Sache"
zwar gerne als Fototermin nutzen, sich in der tagespolitischen Praxis aber eher
nach kurzfristigen wirtschaftspolitischen als nach ökologischen Gesichtspunkten
entscheiden. Auch in Sachen Agenda 21 melden die kommunalpolitischen Spitzenverantwortlichen
gerne medienwirksam Vollzug, ganz nach der Devise: "Hurra, wir haben einen
lokalen Plan!" Von einem intensiven Prozeß unter Einbeziehung der Bevölkerung
und der verschiedenen Interessenverbände kann oftmals nicht die Rede sein. Andererseits
haben die lokalen Bündnisse in der Regel nicht die Kapazitäten, die Entscheidungen
kritisch zu begleiten und die Umsetzung der Beschlüsse einzufordern. Immer deutlicher
wird, daß es noch kein Erfolg für sich ist, wenn eine Kommune einem Städtebündnis
beigetreten ist, eine Deklaration unterschrieben hat oder zur Erstellung einer
lokalen Agenda bereit ist. Oft werden aus der Kommunalverwaltung heraus auch
Elemente bestehender Politik zu einem Zielkatalog zusammengetragen, der keine
neue Qualität besitzt und von Nichtregierungsorganisationen als Etikettenschwindel
empfunden werden muß. Ein LA 21-Prozeß lebt jedoch nicht nur von Bürgerpartizipation
allein, sondern auch davon, daß die Beteiligten konkrete Ergebnisse erzielen.
Verknüpfung von Umwelt- und Entwicklungsfragen in der Praxis
In der Praxis hat sich bald herausgestellt, daß die Verknüpfung von Umwelt-
und Entwicklungsaspekten schwieriger als gedacht ist, wenn mehr erreicht werden
soll als die Bekanntmachung des alternativen Kaffee- oder Bananenhandels oder
die Einwerbung von Spenden oder städtischen Geldern für ein Entwicklungsprojekt.
Kommunale Umweltpolitik ist vielerorts zu sehr auf Einzelfragen beschränkt,
oder die Entscheidungskompetenz liegt bei anderen Verwaltungseinheiten. Zudem
droht die ökonomische Debatte über Standortfragen, Globalisierung und Wettbewerbsfähigkeit
die Diskussion um nachhaltige Wirtschaftsweisen wieder zu überlagern.
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