2. Ökumenische Arbeitstagung im Rheinland für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung, Knechtsteden, 1989
Bundesschlußerklärung von Knechtsteden
Wir haben uns auf der Ökumenischen Arbeitstagung in Knechtsteden schwierigen
Problemen gestellt und nach Lösungsschritten gesucht. Politische, finanzielle
und kirchliche Hindernisse, die uns dabei im Weg stehen, haben wir nur zu deutlich
gesehen. Auch sind uns die eigenen Schwierigkeiten bewußt, die uns vor
notwendigen Schritten zurückscheuen lassen.
Wir haben jedoch auch neue Klarheit darüber gewonnen, daß Leben unteilbar
ist und daß unser Bemühen um Überleben und Leben im Sinne Gottes
nur dann Verheißung hat, wenn es benachteiligte Menschen und die bedrohte
Mitwelt im Blick hat.
Angesichts der drohenden und bereits stattfindenden Zerstörung menschlichen
Lebens und der natürlichen Lebensgrundlagen verlasse ich mich auf Gottes
Zusage, daß ich mit hineingenommen bin in den Bund zwischen Gott und den
Menschen.
Durch diesen Bund ist mir die Freiheit geschenkt, für Gerechtigkeit, Frieden
und die Bewahrung der Schöpfung einzutreten. Durch diesen Bund habe ich
Hoffnung, den gegenwärtigen Krisen zum Trotz.
Die Bewegung, in die der konziliare Prozeß Menschen aller Kirchen hineinnimmt,
kommt in den Versammlungen wie hier nicht zum Abschluß, sondern soll mich
anstoßen, andere zu Hause in Bewegung zu bringen. Auch ich
will das in meinen Kräften Stehende tun, um andere anzustoßen. Daraus
erwachsende Folgen für mein persönliches Leben werde ich nach Kräften
in die Tat umsetzen. Die Gewißheit, daß viele an vielen Orten unserer
Region etwas Ähnliches tun, wird mich ermutigen, beharrlich zu bleiben.
In den folgenden Einsichten haben die verschiedenen Foren in Knechtsteden
formuliert, was ihnen besonders wichtig war:
Es gibt kein Interesse der Herrschenden in Wirtschaft und Politik an der Beseitigung
der Arbeitslosigkeit, weil sie ein wirksamer Knüppel gegen die Beschäftigten
ist und die Arbeitslosen weder Macht noch Lobby haben. Arbeitslosigkeit muß
nicht sein! Wir fordern die Christen auf, für ein öffentliches Bewußtsein
einzutreten, daß Arbeitslosigkeit kein Makel der Betroffenen, sondern
eine Schande für unsere Gesellschaft ist. Arbeit für alle, die arbeiten
wollen, und für alle Erwerbslosen eine Grundsicherung, die ein menschenwürdiges
Leben zuläßt!
Gottes gute Botschaft zu glauben, eröffnet ungeahnte Chancen zur Veränderung.
Dazu gehört auch der Mut, ungewohnte und noch nicht allgemein anerkannte
Wege zu gehen bzw. dem Maßstab der Umweltverträglichkeit Vorrang
einzuräumen gegenüber Geld- und Zeitersparnis oder äußerem
Ansehen.
Wir sind zur Überzeugung gekommen, daß es an der Zeit ist, die heilige
Kuh Auto zu schlachten, d.h. unsere wirtschaftliche, psychische und physische
Abhängigkeit vom Auto zu erkennen und Alternativen zu entwickeln; z.B.
innerhalb der Kirchen nur noch Tagungen zu organisieren, die mit öffentlichen
Verkehrsmitteln zu erreichen sind.
Das Forum Auf dem Weg zur sanfteren Chemie hat sich mit
der Gefährdung der Schöpfung am Beispiel der Chlorchemie befaßt.
Wir haben den Verdacht nicht ausräumen können, daß die Verwendung
gefährlicher Substanzen nicht in jedem Fall auf das absolut zwingende Mindestmaß
reduziert wird. Wir halten es also für erforderlich, daß die chemische
Industrie vermehrt Mittel einsetzt, um umweltverträgliche Alternativen
zur Chlorchemie weiterzuentwicklen und anzuwenden. Wir bitten die Bayer AG als
das größte Unternehmen der chemischen Industrie in unserer Region,
in dieser gemeinsamen Anstrengung die Initiative zu übernehmen.
Die Kirchenleitungen bitten wir, sachkundige Frauen und Männer aus Wissenschaft,
Wirtschaft und Politik zum Gespräch zusammenzuführen, um Konflikte
zwischen Ökologie und Ökonomie in beharrlicher Anstrengung zu bewältigen.
Kirchen und Gemeinden werden gebeten, sich der Ängste anzunehmen, die zur
Zeit in der Verteufelung, der Verharmlosung und der Vergötzung von Wissenschaft
und Technik ihren Ausdruck finden. Kirchen und Gemeinden sollen bei allen Entscheidungen
den umweltschonenden Lösungen den Vorzug geben, auch wenn diese kurzfristig
teurer sind. Jede Gemeinde sollte einige ihrer Mitglieder beauftragen, als Anwälte
umweltfreundlicher Lösungen die Gemeinde zu beraten.
Wir wollen einander darin bestärken, die Augen nicht vor dem zu verschließen,
was wir wissen; wir wollen einander ermutigen, diesem Wissen entsprechend Taten
folgen zu lassen und vor den Kosten nicht zurückzuschrecken.
Wir begreifen feministische Theologie als befreiende Theologie für
Frauen und Männer; sie kann Frauen und Männern helfen, sich von
patriarchalen Strukturen in Kirchen und Gesellschaft zu befreien.
Erste Schritte dazu sind:
- frauengerechte Sprache in allen Lebensbereichen, die mit einer Änderung
der Inhalte einhergeht.
- Veränderung von Arbeits- und Politikformen (z.B. Sitzungs- und Diskussionsstil).
Wir wissen, daß eine der Ursachen für die weltweiten Flüchtlingsbewegungen
in unserer Gesellschafts- und Wirtschaftsordnung begründet liegt. Deshalb
müssen wir die Situation der Asylsuchenden und Flüchtlinge
in unserem Land und unseren Gemeinden besser kennenlernen.
Mit Presbyterien, Pfarrgemeinderäten und Initiativen am Ort werden wir
uns bemühen, konkrete Vorhaben für Flüchtlinge und Asylsuchende
anzuregen. Darüber werden wir in der Öffentlichkeit berichten, damit
ein Klima der Freundschaft, Sicherheit und Solidarität entstehen kann.
Wir suchen das Gespräch mit den politisch Verantwortlichen, damit der Referentenentwurf
des Bundesinnenministeriums, der Grundlage des neuen Ausländergesetzes
werden soll, so nicht verabschiedet wird.
Zwischen den ökumenischen Versammlungen von Basel und Seoul bekräftigen
wir die theologischen Aussagen der Stuttgarter Erklärung über den
Menschen und die Schöpfung. Auf sie aufbauend fordern wir das Verbot
- jeglicher Manipulation am menschlichen Embryo
- sowie jede Genforschung, die die Integrität von Menschen, Tieren und
Pflanzen verletzt.
Gleichermaßen fordern wir
- gesetzliche Regelungen, die den Mißbrauch von Genomanalysen ausschließen
- ein Moratorium für die industrielle Anwendung gentechnologischer Möglichkeiten,
wenn ihre Folgen umstritten sind
- umfassende Informationen über gentechnologische Vorhaben - einschließlich
der Ergebnisse der Risikoforschung
- die Teilhabe der Bevölkerung an Entscheidungsprozessen; Ethikkommissionen
sind ein Instrument dafür.
- Wir drängen die Delegierten unserer Kirchen, dafür Sorge zu tragen,
daß die Genforschung und -technologie eines der dringlichen Themen
der Konvokation in Seoul wird.
Als mündige Gemeindeglieder, die das Alphabet des Wirtschaftens zu lernen
im Begriffe sind, nehmen wir unsere Mitbestimmungsverantwortung für kirchliche
Finanzen wahr und fordern:
- Die über den Inflationsausgleich hinausgehenden Kapitalerträge
kirchlicher Körperschaften sollen so angelegt werden, daß die Not
der Armen vermindert und nicht vermehrt wird (z.B. bei den Ökumenischen
Entwicklungsgenossenschaften, EDCS).
Wir verpflichten uns, durch Gespräch, Handeln und unseren Lebensstil aktiv
für die Kürzung des Rüstungsetats einzutreten.
Die Kirchenleitungen fordern wir auf, den Aufruf der Kampagne Kürzt
den Rüstungsetat zu unterzeichnen. Gleichzeitig schlagen wir vor,
in den Gemeinden am Totensonntag ein Transparent Kürzt den Rüstungsetat
auszuhängen, um damit gegen die Verabschiedung des Rüstungsetats Ende
November zu protestieren.
Im politischen Bereich fordern wir die Streichung des Forschungsansatzes im
Rüstungsetat als einen ersten, wichtigen Schritt, damit nicht morgen stationiert
wird, was heute in den Laboratorien entsteht. Die Bundestagsabgeordneten fordern
wir auf, jede weitere Erhöhung des Rüstungsetats abzulehnen und eher
ihrem Gewissen als wirtschaftlichen oder politischen Zwängen zu folgen.
Zur Vermeidung des Treibhauseffektes wollen wir unseren Energieverbrauch
durch Einsparen und rationellere Energienutzung zunächst um 1/10 verringern.
Privat und in der Öffentlichkeit wollen wir an der Bewußtseinsbildung
mitwirken. Wir werden uns dafür einsetzen, daß die gesetzlichen Rahmenbedingungen
für Energieforschung und -gewinnung und sparsamen Gebrauch im Sinne umweltverträglicher
und erneuerbarer Energien verändert werden.
Wir verpflichten uns, für gewaltfreie Friedensdienste wie gewaltfreie
Konfliktlösung, soziale Verteidigung, Rüstungskonversion und Versöhnung
zwischen Menschen und Völkern einzutreten.
Wir bitten die Kirchen, dies zu unterstützen und auch dort ihren Beitrag
zu leisten, wo Friedens- und Versöhnungsarbeit finanzielle Unterstützung
benötigt. Wir fordern von den verantwortlichen Politikern, alle diejenigen
Kräfte zu unterstützen, die schon heute an Alternativen zur gegenwärtigen
militärischen Sicherheitspolitik arbeiten.
Wir sind bisher im konziliaren Prozeß mit intellektuellem, theologischem
und kirchlichem Schriftmaterial überhäuft worden. Mit Spielaktionen,
wie wir sie in Knechtsteden ausprobiert und erlebt haben, werden Menschen ganzheitlich
angesprochen und in ihrer sozialen Phantasie gefördert.
Deshalb fordern wir, den konziliaren Prozeß nicht einseitig zu verkopfen,
sondern daran zu arbeiten, ihn durch vielfältige kreative Aktionen
auch erfahrbar zu machen.
2. Ökumenische Arbeitstagung im Rheinland
für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung
Kloster Knechtsteden 27.-29. Oktober 1989
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