5. Zusammenhänge und Perspektiven
Wir haben unsere Überlegungen und Vorschläge entsprechend den Aspekten
des konziliaren Prozesses in drei Abschnitte gegliedert. Diese Aspekte stehen
jedoch nie für sich. Immer besteht zwischen ihnen eine fast durchgängige
Wechselbeziehung. Wo Gerechtigkeit anderen Menschen oder Völkern vorenthalten
wird, kann kein Frieden im Sinne des biblischen Schalom bewahrt werden. Allgemeine
Erkenntnis ist, daß durch Krieg und Waffeneinsatz heute nicht nur Menschen
getötet, sondern die ganze Schöpfung zerstört werden kann. Darum
sind wir zu einer entsprechenden Änderung unseres persönlichen Verhaltens
und unserer Politik gezwungen. Raubbau an der Erde und Nachlässigkeit im
Umgang mit ihren Gütern zu Lasten der Ärmeren und (politisch oder
wirtschaftlich) weniger Mächtigen führen zu Ungerechtigkeit und Feindschaft.
Diese Erde ist uns Menschen zur treuhänderischen Bewahrung anvertraut.
Als Christen sind wir im Vertrauen auf die Verheißung unseres Herrn zum
Glaubensgehorsam aufgerufen, damit Menschen neue Hoffnung schöpfen können
und die Ketten der Knechtschaft fallen.
Aber nicht nur Bewahrung der Schöpfung, Gerechtigkeit und Frieden sind
aufs engste miteinander verflochten. Es ist uns deutlich geworden, daß,
wie unser eigenes Leben von den Vorgängen in anderen Teilen der Welt beeinflußt
und womöglich bedroht ist, so auch umgekehrt unser persönliches und
nationales Verhalten Auswirkungen auf unsere Nachbarn, ja auf diese ganze eine
Welt hat, in der wir mit anderen nach Gottes Willen zusammen leben sollen. An
wenigen Beispielen sei dies noch einmal gezeigt:
- Die Industrienationen in West und Ost beanspruchen einen unverhältnismäßig
großen Teil der Ressourcen dieser Erde für sich. Das trägt
zur Verarmung und Verelendung in anderen Gebieten der Erde bei, die auch durch
Entwicklungshilfe nicht zu beheben sind. Dieses Verhalten führt darüber
hinaus zu einer Gefährdung des Weltfriedens. Die Kluft zwischen Nord
und Süd, zwischen den Besitzenden und den übrigen wird immer größer;
Ungerechtigkeit liegt vorrangig im gegenwärtigen System der Weltwirtschaft.
- Wir sind versucht, Wohlstand und Arbeitsplätze unter anderem auch
durch Produktion und Export von Rüstungsgütern zu sichern. Dadurch
tragen wir dazu bei, an anderen Stellen der Erde Leben und Umwelt zu zerstören,
und helfen mit, Unrecht und Unterdrückung zu vermehren.
- Wir wissen Millionen von Menschen in der Welt auf der Flucht. Darum müssen
wir uns fragen, ob wir auch an den Fluchtursachen (wirtschaftliches Elend,
Chancenlosigkeit und Unterdrückung) Anteil haben und wie wir dazu beitragen
können, sie zu beseitigen.
- Wir beuten den Boden rücksichtslos aus und produzieren Müllmassen,
die die Erde nicht mehr verkraften kann. Damit gefährden wir die eigene
Existenz und die unserer Nachkommen sowie auch die der übrigen Welt.
Glaubensgehorsam hat eine Verheißung. Wo uns Gott in seinen Bund genommen
und wir uns dazu bekannt haben, beginnt ein Aufbruch, eine Wendung in unserer
Weltsicht und unserem Lebensstil. Das war bei Noach so und bei Abraham, bei
Rut und bei Ester, und es war nicht anders bei denen, die dem Ruf Jesu folgten.
Sie ließen hinter sich, wovon sie bisher zu leben gewohnt waren, um neue
Perspektiven zu gewinnen.
Gehorsam fordert seinen Preis. Noach setzte sich der Isolierung aus, als er
im Gehorsam handelte und die Güter hinter sich ließ, die ihm bequemes
Leben versprachen. Abraham ließ wohlgeordnete Verhältnisse hinter
sich, als er aufbrach zu einem Ziel, das ihm noch keineswegs anschaulich und
zuhanden war. Jesu Jünger trennten sich von dem, was sie bisher getragen
und den Inhalt ihres Lebens ausgemacht hatte.
Aber sie gewannen dadurch ungleich viel mehr. Es wird auch für uns Zurückstecken
und Verzicht nötig sein, wenn wir gemeinsam Neues gewinnen wollen. Lebensvorstellungen,
die menschliches Glück allein binden wollen an immer mehr Besitz, Gebrauch
und Genuß von Waren, werden dem christlichen Verständnis vom Menschen
nicht gerecht. Die fortwährende Steigerung der Ansprüche auf materielle
Güter hat zu einer Ziellosigkeit des Lebens geführt. Sie hindert den
Menschen an der Entfaltung seiner Persönlichkeit. Die Verleugnung von Grenzen
im materiellen Bereich und der Entschluß, von allen durch die Wissenschaft
erschlossenen Möglichkeiten auch ausnahmslos Gebrauch zu machen, lähmen
die Fähigkeit des Menschen zu personaler Zuwendung, zu intensiver Wahmehrnungs-
und Erlebnisfähigkeit. Viele haben die Chancen des Verzichts neu entdeckt.
Es geht nicht darum, allgemein anspruchsloser zu leben, sondern anspruchsvoller
zu werden im Blick auf die Vielfalt und Reichhaltigkeit unserer gesamten Umwelt.
Christen müssen den Mut finden, Umkehr zu einem Leben zu wagen, das nicht
ausschließlich durch materielle Interessen bestimmt ist.
Wenn wir uns für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung
einsetzen, dann geschieht das im Gehorsam gegenüber dem Gott, der die Bewahrung
und Rettung der ganzen Schöpfung will. "Gott hat die Welt so sehr
geliebt, daß er seinen einzigen Sohn hingab,... damit die Welt durch ihn
gerettet wird" (Joh 3,16-17).
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