"Unser Wirtschaftssystem - wider Gottes Geist" - Votum: Was uns bewegt und was wir bewegen wollen
Sechs Jahre nach der deutschen Vereinigung sind wir als Vertreterinnen und Vertreter der ökumenischen Basisgruppen und Netzwerke zu unserer gesamtdeutschen Versammlung in Erfurt zusammengekommen. Uns bewegt das Bemühen des konziliaren Prozesses um Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung, das nach dem Umbruch in Deutschland, Europa und weltweit vor neuen und bedrängenden Fragen steht.
Die deutsche Vereinigung ist überschattet von der sich vertiefenden Kluft zwischen
arm und reich nun auch in unserem Land, von der skandalös ungleichen Verteilung
der sozialen Lasten und der Auszehrung des Sozialstaates, der Ausgrenzung von
Millionen Menschen durch strukturelle Arbeitslosigkeit und der Abweisung vieler
Menschen, die aus vielfältig schlimmerer Not bei uns Zuflucht suchen. Obwohl
wir seit Jahrzehnten wissen, daß unsere Wirtschafts- und Lebensweise nicht zukunftsfähig
ist, machen wir weiter so. Immer mehr Menschen spüren: das kann nicht gut gehen.
Wir haben uns in unseren Beratungen auf die Fragen unserer Wirtschaftsweise
konzentriert, weil jetzt hier der Brennpunkt unserer "vorrangigen Verpflichtung
für die Armen" und für die Zukunft unserer Gesellschaften liegt.
In diesen Krisen, Konflikten und Ratlosigkeiten fassen wir Mut aus der Versöhnung.
Gott hat sie mitten in den Verirrungen und Konflikten unserer Welt durch Jesus
Christus aufgerichtet. Er war selber ein Armer, Ausgegrenzter und ein Opfer
der Mächtigen. Durch ihn hat sich Gott mit uns zu einer Gemeinschaft verbündet,
die aus dem Geist seiner Versöhnung die Würde der Schwachen und Leidenden zu
Ehren bringt, Gerechtigkeit für die Armen schafft, Ausgegrenzte einbezieht und
die Macht in den Dienst des Lebens und Gemeinwohls stellt. Diese Versöhnung
bezeugen heißt auch, an einer tiefgehenden Veränderung unserer Wirtschaftsweise
zu arbeiten.
Für die Gewinnung einer zukunftsfähigen Wirtschaftsordnung halten wir einen
neuen "Gesellschaftsvertrag" für nötig, der sozialen Ausgleich, gerechte Verteilung
der Arbeit auch zwischen Frauen und Männern, sowie die Verantwortung für die
Mitwelt und weltweite Gerechtigkeit einschließt.
Als Kirchen waren wir beteiligt an der Entstehung des gesellschaftlichen Konsenses
mit dem Modell der "sozialen Marktwirtschaft". Wir sehen mit größter Besorgnis,
wie angesichts der gegenwärtigen wirtschaftlichen und finanziellen Probleme
der Konsens zerbricht und die sozialen Ziele über Bord geworfen werden sollen.
Wir fordern die Kirchen auf, sich mit aller Kraft dafür einzusetzen, daß in
einem neuen "Gesellschaftsvertrag" das Sozialstaatsgebot des Grundgesetzes und
weltweite Gerechtigkeit verwirklicht werden. Dafür ist es notwendig, daß die
Kirchen ihre Strukturen in bezug auf Arbeitsverteilung, Kapital- und Grundbesitz
radikal verändern, um ihre prophetische Aufgabe glaubwürdig wahrnehmen zu können.
Diesen Weg wollen wir gehen auf der Seite und als Anwälte der Opfer der jetzigen
Wirtschaftsweise. Alle gesellschaftlichen Gruppen müssen an diesem Prozeß beteiligt
sein. Dabei sehen wir die gesellschaftlichen Bewegungen (Frauen, Eine Welt,
konziliarer Prozeß) als Vorreiter.
Im Zentrum der notwendigen Veränderungen stehen die Umverteilung von Macht,
Arbeit und Eigentum.
- Weil der Wettbewerbsmarkt sich durch Machtkonzentration
zunehmend selbst auflöst, weil sich transnationale Konzerne nationalstaatlicher
Kontrolle entziehen, weil die politischen Akteure mit Wirtschaftseliten verflochten
sind, ist die Wiedergewinnung demokratischer Partizipation und Kontrolle unerläßlich.
- Das Eigentumsrecht und das Geldwesen müssen neu geordnet werden. Dazu gehören:
- der Aufbau eines Kredit- und Zinssystems, in dem Geldvermögen nicht mehr leistungslos
wächst und Geld nicht mehr ständig von arm zu reich wandert. Anfänge wären z.B.
zinsgünstige Kredite für Entwicklungsaufgaben nach dem Vorbild der EDCS (Ökumenische
Entwicklungsgenossenschaft).
- Umsetzung der Sozialpflichtigkeit des Eigentums
(Artikel 14, II GG), - eingeschränkte Nutzungsrechte statt unbeschränktem Eigentum
an Grund und Boden. Rückkauf von übermäßigem Privatbesitz an Grund und Boden
in kommunalen und genossenschaftlichen Besitz.
- Arbeit muß eine Neubewertung
erfahren, bei der auf dem Weg der Entlohnung und Besteuerung neben dem materiellen
Wert der soziale, ökologische und psychische Wert gleichmäßig Anerkennung finden.
Die Gleichstellung der Frau und die geschlechtsneutrale Verteilung der Arbeit
müssen verwirklicht werden. Für Kranke und Behinderte tragen wir eine besondere
Verantwortung.
Die Kirchen als zweitgrößter Arbeitgeber sollen sich lösen von beamtenrechtlichen
Zwängen für PfarrerInnengehälter; sie sollen beispielhaft Arbeitsplätze und
Finanzmittel teilen, um der größer werdenden Kluft zwischen hochbezahlten Berufstätigen
und Arbeitslosen entgegenzuwirken.
Ein neuer "Gesellschaftsvertrag" zur Neugestaltung der Wirtschaft kann nur
wirksam sein, sofern er in den europäischen Einigungsprozeß einfließt. Das bedeutet
die Durchsetzung von sozialen und ökologischen Standards auf möglichst hohem
Niveau (Maastricht II: keine Währungsunion ohne Sozialunion mit gemeinsamer
ökologischer Zielsetzung). Nicht ein zentralistisches und dereguliertes Europa,
sondern ein vernetztes und dezentrales kann ein menschengerechtes Wirtschaften
ermöglichen. Ein neuer "Gesellschaftsvertrag" mit einem gespaltenen oder nach
außen geschlossenen Europa würde der konkreten Weltverantwortung und Verflechtung
widersprechen. Vorrang muß vielmehr die Neugestaltung auch der Nord-Süd- und
der West-Ost-Beziehungen durch Entschuldung und Demokratisierung der internationalen
Institutionen bekommen.
Rüstungsindustrie und Waffenexport als feste Bestandteile unseres Wirtschaftssystems
haben maßgeblichen Anteil an der Verschärfung von gesellschaftlichen und politischen
Konflikten in Ländern der 2/3-Welt. Rüstung ist keine zwangsläufge Folge des
Marktes; sie lebt von Vorgaben der Politik, die allerdings durch die Rüstungsindustrie
erfolgreich manipuliert wird, wie das Beispiel Jäger 2000 zeigt. Rüstung bindet
Geld und Arbeitsplätze, die der Entwicklung zukunftsfähiger Industrien verloren
gehen; Rüstungsexporte tragen zur weltweiten organisierten Friedlosigkeit bei.
Als Christinnen und Christen im konziliaren Prozeß denunzieren wir die ungebrochene
Dominanz des Militärischen, die auch in der Verflochtenheit unseres Wirtschaftens
mit Rüstung und Waffenexport zum Ausdruck kommt. Wir fordern demgegenüber eine
Politik, die - die Umwandlung von Rüstungsproduktion in zivile Produktion begünstigt;
- ein Unterlaufen der deutschen Gesetzes-Standards für Rüstungsexporte durch
die EU verhindert; - die Herstellung und Ausfuhr von Landminen verbietet und
- ein generelles Rüstungsexportverbot anstrebt.
Vorrangige politische und zivilgesellschaftliche Aufgaben sind für uns der
Aufbau von Instrumenten der Konfliktprävention, die Entwicklung von Modellen
und Projekten ziviler Konfliktbearbeitung (vgl. Pilotprojekt Bosnien des ZFD)
und die Unterstützung und Begleitung von Kriegsflüchtlingen, Kriegsdienstverweigerern
und Deserteuren aus Konfliktgebieten. Von unseren Kirchen erwarten wir, daß
sie der Entwicklung und gesellschaftlichen Anerkennung ziviler gewaltfreier
Friedensdienste mindestens dieselbe Aufmerksamkeit und Ausstattung zuwenden,
die sie bisher dem Soldaten- und Kriegsdienst gewidmet haben. Wir erwarten weiterhin,
daß sie die Militärseelsorgeverträge erneut in Frage stellen mit dem Ziel, ein
Zeichen zu setzen gegen die Dominanz des Militärischen bei der Lösung von Konflikten.
Der konziliare Prozeß für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung
hat in der Agenda 21 der Rio-Konferenz für Umwelt und Entwicklung eine politische
Entsprechung gefunden, die auf nationale und vor allem kommunale Ausgestaltung
zielt. Lokale Agenda 21 heißt, Leitlinien und Rahmenpläne zu konzipieren, die
eine "nachhaltige" Entwicklung von Kommunen und Regionen im 21. Jahrhundert
gewährleisten.
Die sachlichen Schwerpunkte liegen bei - Verkehrs- und Infrastruktur (Städteplanung)
- Resourcen, Energie- und Abfallwirtschaft (Reduktuion der Resourcenverschwendung,
Förderung der Nutzung regenerativer Energie, Ökologische Steuerreform, Ausstieg
aus der Atomenergie, Abfallvermeidung) - Kultur-und Bildungspolitik - präventiver
Sozial- und Wirtschaftspolitik (Verhinderung von Armut, Arbeitslosigkeit) -
Förderung ökologischer Produktion - integrativer Ausländer- und Asylpolitik
- Verknüpfung lokalen Handelns mit globalen Dimensionen durch Beeinflussung
der Mechanismen des Kapitaltransfers (kreative Entschuldung, private Kleinkredite,
fairer Handel)
Kommunale Leitlinien sind nur umsetzbar, wenn jede Bürgerin und jeder Bürger
über einen partizipatorischen Prozeß von deren Richtigkeit und Zukunftsfähigkeit
überzeugt ist und danach handelt.
Dabei können Kirchen und Gemeinden eine maßgebliche Rolle spielen. Wir bitten
daher die Kirchengemeinden, sich bei der Erarbeitung von Lokalen Agenden 21
aktiv zu beteiligen oder sie anzuregen und dabei die Erfahrungen aus Partnerschaften
(Nord-Süd, Ost-West) einzubringen und zu vertiefen.
Quantitatives Wachstum in der bisherigen Form führt in die ökologische und
soziale Katastrophe. Deshalb müssen wir anders leben, damit andere - in der
2/3-Welt - überhaupt leben können. Seit Jahrzehnten wissen wir, daß wir uns
von materiellen zu kulturellen, spirituellen Werten umorientieren müssen, um
erfüllter, reicher, kommunikativer leben zu können.
Wir bekennen: Wir haben nicht getan, was wir wissen. Es ist uns nicht gelungen,
die suggestive Macht der Werbung zu brechen. Von unseren Kirchen und Gemeinden
ist zu wenig einladende Vorbildwirkung ausgegangen. Wir verpflichten uns, im
Sinne dieses Textes zu arbeiten und in unseren Gemeinden und Gruppen wirksam
zu werden.
Wir fordern unsere Kirchen und Gemeinden auf, konkrete Schritte in Richtung
eines neuen Lebenstils zu gehen. Erste Schritte dazu können Erklärungen der
selbstgesteckten Ziele für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung
sein. Über das Erreichte soll jährlich öffentlich Rechenschaft gegeben werden.
Eine andere Lebenskultur wird eine entscheidende Voraussetzung für eine veränderte
zukunftsfähige Wirtschaftsweise sein.
(Dieses Votum wurde angenommen mit 116 Stimmen bei 2 Gegenstimmen und 3 Enthaltungen)
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