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6. Grundsätzliche Aussagen, praktische Verpflichtungen, Empfehlungen und Ausblicke auf die Zukunft - Empfehlungen


78. Wir verpflichten uns von neuem dazu, Kirche zu sein, Leib Christi und Volk Gottes. Wir fordern unsere Kirchen und alle Christen in Europa auf, für Gerechtigkeit, Frieden und die Bewahrung der Schöpfung einzutreten, wie dies in den folgenden Empfehlungen beschrieben wird.

79. Wir halten es für wesentlich, daß die lebenswichtigen Anliegen von Gerechtigkeit, Frieden und der Bewahrung der Schöpfung nicht vom Auftrag der Kirche zur Verkündigung des Evangeliums getrennt werden. Wir verpflichten uns deshalb, Gottes Angebot des neuen Lebens in Christus allen Menschen zu verkünden.

80. Wir regen die Bildung von ökumenischen "Schalom-Diensten" an. Frauen und Männer, die sich in solchem Dienst engagieren, werden ihre eigene Kirche als Teil des dienenden Volkes Gottes unter allen Völkern erkennen. Wir verpflichten uns, diesen aktiven Geist des Schalom auszubreiten.

81. Insbesondere wollen wir uns mit unseren Bemühungen innerhalb des von dem KSZE-Prozeß und auf globaler Ebene von den Vereinten Nationen vorgegebenen strukturellen Rahmens halten und bitten andere, das gleiche zu tun.

82. Der in dem strukturellen Rahmen der KSZE gewählte Ansatz, demzufolge Sicherheitspolitik, wirtschaftliche und ökologische Zusammenarbeit, menschliche Kontakte und Menschenrechte als ein Ganzes behandelt werden, soll gestärkt und erweitert werden, damit auch die ökologische Dimension und die Frage nach der Gerechtigkeit in den Nord-Süd-Beziehungen stärker berücksichtigt werden können.

83. Die internationale Struktur der Vereinten Nationen sollte wirksamer gestaltet werden. Die Vereinten Nationen haben sich als hilfreich bei der Lösung regionaler Konflikte, bei der Unterstützung der Entwicklungsbemühungen vieler Länder und bei der Behandlung von Umweltproblemen erwiesen. Deshalb sollten die Regierungen der ganzen Welt die UNO stärker unterstützen und dies auch in sichtbarer Form zum Ausdruck bringen. Die Arbeit nichtstaatlicher Organisationen in Fragen des Friedens, der Gerechtigkeit, der internationalen Zusammenarbeit und der Verteidigung der Menschenrechte sollte ebenso wie der Schutz der Umwelt unterstützt und verstärkt werden.

 

84. Gerechtigkeit

a) Die gesamte Menschheit, aber vorrangig die Armen, Unterdrückten und Machtlosen, benötigen dringend eine neue Weltwirtschaftsordnung. Jede wirtschaftliche Entwicklung muß den Kriterien sozialer Verträglichkeit, internationaler Verträglichkeit, Verträglichkeit im Blick auf die Umwelt und im Blick auf zukünftige Generationen genügen. Diesen Kriterien sollten auch die Regeln der internationalen Handelsbeziehungen und die Erleichterung der Schuldenlast für die armen Länder unterworfen werden ebenso wie die Zusammenarbeit im Bereich der Entwicklung durch Organisationen, die Menschen helfen, für Gerechtigkeit zu investieren,z.B. die Ökumenische Entwicklungsgenossenschaft (EDCS); ebenso gehört dazu die Umgestaltung von Produktion und Konsum. Letztere werden in zunehmendem Maße auf der Grundlage neuer Technologien entwickelt und führen so zu einer zweigeteilten Gesellschaft von Reichen und Armen.
Wir möchten unsere Regierungen auch daran erinnern, daß vor nunmehr zwanzig Jahren Mitgliedsstaaten der UNO übereinkamen, 0,7 % ihres Bruttosozialprodukts für Zwecke der Entwicklung zu gebrauchen. Ähnliche Programme, wie z. B. die Solidaritätsfonds Europas (Solidarity Funds of Europe), verdienen ebensolche Unterstützung.

b) In bezug auf die Schuldenkrise empfehlen wir den Erlaß der Schulden für die ärmsten Entwicklungsländer und gleichzeitig wirksame Maßnahmen zur Erleichterung der Schulden für alle verschuldeten Länder einschließlich derer in Osteuropa. Regierungen sind in der Lage, Schulden zu tilgen oder umzuschulden und Handelsbanken und internationalen Institutionen bei ähnlichen Aktionen behilflich zu sein. Auch sollten die nötigen Bedingungen geschaffen werden, damit diese Länder vor einer neuerlichen Verschuldung dieses Umfangs bewahrt werden (Verhinderung von Kapitalflucht, Überprüfung des internationalen Währungssystems, Veränderung der Politik des Internationalen Währungsfonds ‘IWF’, Revision der Terms of Trade, usw.). Auch muß sichergestellt werden, daß freigegebene Gelder zugunsten der Opfer der Armut benutzt werden. Außerdem dringen wir darauf, daß der Fonds "Abrüstung für Entwicklung" (UN-Konferenz 1987) in Kraft gesetzt wird.

c) Zur Überwindung von Ungerechtigkeiten wie Diskriminierung, Rassismus, Sexismus, Folter, Verschwinden und Töten von Personen oder anderen Verletzungen von Menschenrechten, auch des Selbstbestimmungsrechtes der Völker und Nationen, rufen wir auf zur vollständigen Verwirklichung aller internationalen Menschenrechtsabkommen über zivile, politische, wirtschaftliche, soziale und kulturelle Rechte sowie Maßnahmen zu deren konkreter Anwendung, namentlich:

  • Universale Erklärung der Menschenrechte (1948),
  • Internationaler Pakt über bürgerliche und politische Rechte und das dazugehörende freiwillige Protokoll (1966),
  • Internationaler Pakt über wirtschaftliche, soziale und kulturelle Rechte (1966),
  • Genfer Flüchtlingskonvention und Protokoll über' die Rechtsstellung der Flüchtlinge (1951/1967),
  • Internationales Übereinkommen über die Beseitigung aller Formen von Diskriminierung aufgrund der Rasse (1965),
  • Konvention über die Beseitigung aller Formen der Diskriminierung von Frauen (1979),
  • UN-Konvention über die Grundrechte von Kindern (1959),
  • UN-Erklärung über die Beseitigung aller Formen von Intoleranz und Diskriminierung aufgrund der Religion oder der Überzeugung (1981),
  • Übereinkommen über den Schutz aller Personen vor Folter und anderer grausamer, unmenschlicher oder erniedrigender Behandlung oder Strafe (1984),
  • Europäische Menschenrechtskonvention (1950),
  • Schlußakte der Konferenz für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (KSZE, Helsinki 1975) sowie die Dokumente der KSZE-Folgekonferenzen, besonders Madrid 1983 - 1985 und Wien 1986 - 1989.

d) Wir fordern die Errichtung der nötigen Kontrollmechanismen für den Fall der Nichteinhaltung dieser Rechte, damit auch Einzelpersonen einen internationalen Gerichtshof anrufen können wie im Fall der Europäischen Menschenrechtskonvention.

e) Der Rassismus ist eine fundamentale Verletzung von Menschenwürde und Menschenrechten. Nach unserer christlichen Tradition ist er außerdem eine Sünde. Dennoch finden Rassismus und ethnische Diskriminierung vielerorts statt, auch in unseren Ländern in Europa. Manchmal werden sie institutionalisiert, wie im Falle der Einwanderungsgesetze bestimmter europäischer Länder und anderer Regelungen und Praktiken in verschiedenen Teilen Europas. Manchmal nehmen sie neben der Institutionalisierung extreme Ausmaße an, wie im Falle der Apartheid in Südafrika. Wir betrachten alle Formen von Rassismus als unannehmbar. Die Apartheid als System ist nicht reformierbar und deshalb abzuschaffen. Wir fordern die Kirchen, Gemeinden und einzelnen Christen auf, sich aktiv auf das "Minimale Aktionsprogramm" (minimum programme of action) diplomatischer und wirtschaftlicher Maßnahmen (wie Kohleembargo, keine neuen Darlehen, Sperrung der direkten Flugverbindungen) zu verpflichten, wie es vom Südafrikanischen Kirchenrat und von der Katholischen Bischofskonferenz im Südlichen Afrika beim Besuch ihrer Delegation in Europa im Mai 1988 dringend erbeten wurde.

f) Das Bevölkerungsproblem sollte weltweit hervorgehobene Beachtung finden. Weil Überbevölkerung weitgehend Folge wirtschaftlicher Armut ist, muß eine sachgerechte Bevölkerungspolitik sich hauptsächlich auf allgemeine wirtschaftliche und soziale Entwicklung konzentrieren. Niemals dürfen dabei Menschenwürde und Achtung vor dem Leben als oberste Kriterien außer acht gelassen werden.

g) Wir drängen darauf, daß die Erhaltung des Lebens als oberstes Kriterium beim Aufbau der gesellschaftlichen Ordnung anerkannt wird. Das betrifft besonders den Schutz des ungeborenen Lebens und der Kinder.

h) Als weiteres Anwendungsgebiet fordern wir insbesondere ein Verständnis von Arbeit, bei dem Frauen und Männer gleichen Zugang zu allen Tätigkeiten haben und jeder seinen oder ihren rechtmäßigen Anteil bekommt, ohne daß die Arbeitnehmer oder die Schwächsten in der Gesellschaft, wie junge Frauen mit Kindern, ältere Menschen, Flüchtlinge und Wanderarbeiter, ausgebeutet werden. Dazu könnte auch gehören, daß Arbeitsstellen geteilt werden und gleichzeitig ein Mindesteinkommen für alle Mitglieder der Gesellschaft garantiert wird, ob sie Arbeit haben oder nicht. Dazu gehören auch Maßnahmen, die es Menschen ermöglichen zu arbeiten, während sie für eine Familie sorgen. Die Sorge für Kinder, für ältere und für behinderte Menschen sollte als wichtige und durchaus sinnvolle Tätigkeit gewertet werden, die Anerkennung durch die Gesellschaft verdient.

i) Jede Diskriminierung von Frauen, z. B. bei Entlohnung und Einstellungschancen, sollte beseitigt werden. Sie sollten vor Gewalt geschützt werden. Frauen in besonders schwierigen Situationen, wie alleinerziehende Mütter oder Opfer von Vergewaltigung, sollten ausreichenden Schutz genießen.

j) Wir fordern unsere Kirchen auf, die Beteiligung von Frauen am Entscheidungsprozeß und am kirchlichen Leben insgesamt entscheidend zu verbessern; dafür zu sorgen, daß sie in kirchlichen Gremien und
theologischen Fakultäten in gleichem Maße vertreten sind; einen tiefgehenden Dialog mit der feministischen Theologie zu beginnen und das ökumenische Engagement von Frauen anzuerkennen und zu unterstützen.

k) Wir bemerken zwar eine Idealisierung der Jugend in unseren Gesellschaften, glauben aber, daß die Wirklichkeit des Lebens für viele junge Menschen dadurch charakterisiert ist, daß ihre Fähigkeit und ihre Kreativität geringgeschätzt wird; sie erkennen keine sinnvolle Rolle in der Gesellschaft und sehen sich der Zukunftsaussicht beraubt. Junge Menschen leiden unter Arbeitslosigkeit, Armut, Heimatlosigkeit, zwangsweisem Militärdienst in manchen Ländern, ohne die Möglichkeit zur Militärdienstverweigerung aus Gewissensgründen. Sie leiden auch unter Alkoholismus und Drogenmißbrauch. Wir fordern unsere Kirchen auf, zu erkennen, daß viele junge Menschen sich nicht imstande fühlen, am Leben und Zeugnis ihrer Kirchen voll teilzunehmen. Ein Grund dafür ist, daß junge Menschen in den Entscheidungsgremien der Kirchen unterrepräsentiert sind. Wir glauben, daß eine bessere Zusammenarbeit zwischen Kirchen und Jugendorganisationen ein wichtiger Schritt zur Verbesserung der Situation wäre.

l) Wir fordern die Kirchen auf, zu erkennen, daß Flüchtlinge und Wanderarbeiter ihre Heimatländer innerhalb und außerhalb Europas verlassen, entweder weil ihre wirtschaftliche Situation hoffnungslos ist oder weil sie Opfer politischer, gesellschaftlicher oder religiöser Unterdrückung sind. Wir verlangen die Abschaffung aller Restriktionen gegen diese Menschen. Wir rufen alle europäischen Christen dazu auf, sie als Brüder und Schwestern auf und anzunehmen und auf Änderung in der Gesetzgebung, der öffentlichen Meinung und dem Verhalten hinzuwirken, damit sich ihre Lage verbessern kann.
Außerdem wollen wir auf das Schicksal von Millionen von Flüchtlingen und Heimatvertriebenen in anderen Kontinenten aufmerksam machen. Sie sind Opfer von wirtschaftlichen, politischen, sozialen und umweltbedingten Veränderungen oder von Gewalt. Europäische Kirchen und Christen sollten alles in ihrer Macht Stehende tun, um die Grundursachen für ihre schlimme Lage zu beseitigen und unverzüglich Hilfe zu leisten.

m) Ganz besonders rufen wir Kirchen, Christen und Entscheidungsträger in den EG-Ländern auf, dafür Sorge zu tragen, daß die Verwirklichung der Einheitlichen Europäischen Akte 1992/93 nicht zu Rückschritten in den Sozialleistungen und ökologischen Maßstäben führt. Wir bitten sie auch dringend, dafür zu sorgen, daß in der Europäischen Gemeinschaft die Erkenntnis wächst, daß sie sich nicht mit ganz Europa deckt; dies sollte auch in ihrem Namen deutlich werden. Die Europäische Gemeinschaft sollte weiterhin über ihre Grenzen hinaus Kontakte zu den übrigen Ländern Europas und der Welt unterhalten.

n) 1992 ist darüber hinaus der 500. Jahrestag des Beginns einer Periode europäischer Expansion - zum Nachteil anderer Völker. Dies ruft uns auf, für eine gerechte und friedliche Beziehung sowohl innerhalb Europas als auch zwischen Europa und den anderen Weltteilen zu arbeiten. Dies gilt besonders für den Nahen und Mittleren Osten, für den Europa ein Gutteil historischer Verantwortung trägt. Wir bitten unsere Kirchen dringend um Unterstützung des Kampfes der Völker in Lateinamerika, Afrika und Asien für soziale Gerechtigkeit, Menschenwürde und Erhaltung ihre Umwelt.

85. Wir appellieren nachdrücklich an alle Christen Europas, aktiv zur Lösung dieser Probleme in ihren Kirchen und Gesellschaften beizutragen. Unser Lebensstil sollte den Nöten der Armen und Marginalisierten in unseren eigenen Gesellschaften und in der Zwei-Drittel-Welt Rechnung tragen. Auch von uns trägt jeder zu den Ursachen der Ungerechtigkeit bei. Unser Einsatz für eine Veränderung der Strukturen der Ungerechtigkeit wird nur dann glaubwürdig sein, wenn wir als Einzelne unsere persönliche Verantwortung in dieser Sache ganz ernst nehmen.

 

86. Frieden

a) Da die europäischen Kirchen davon überzeugt sind, daß der Krieg nach dem Willen Gottes nicht sein darf, sollte alles getan werden, um die internationalen Mechanismen zur friedlichen Konfliktlösung zwischen den Völkern auszubauen, z. B. durch internationale Abkommen, durch die Anerkennung internationaler Gerichtshöfe etc. Diese Bemühungen sollten sich darauf richten, die Institution des Krieges zu überwinden. Friedensförderung muß den Vorrang vor Kriegsverhinderung haben.

b) Wir rufen die UdSSR, die USA und die Länder Europas dazu auf, sich an bestehende Verträge zu halten, ihre Abrüstungsverhandlungen fortzusetzen, auf die Abrüstung konventioneller Streitkräfte hinzuwirken, einen umfassenden Atomwaffenteststop zu vereinbaren und von jeder militärischen Nutzung des Weltraums sowie der Antarktis Abstand zu nehmen. Wir begrüßen Abkommen wie den ABM-Vertrag von 1972 und den Vertrag zur Nicht-Verbreitung von Atomwaffen und fordern ihre uneingeschränkte Anwendung.

c) Wir rufen alle Länder und Regierungen in Europa auf, sich zusammenzutun und zusammenzuarbeiten mit dem Ziel, die Entwicklung, Herstellung, Stationierung sowie den Besitz und die Anwendung von Massenvernichtungsmitteln, seien es nukleare, biologische oder chemische Waffen, völkerrechtlich zu verurteilen und folglich zu beenden; darüber hinaus sollte auf diese Weise das System der nuklearen Abschreckung überwunden und durch ein anderes, weniger gefährliches Sicherheitssystem ersetzt werden. Wir unterstützen ausdrücklich die Bemühungen der Vereinten Nationen und anderer internationaler Institutionen um weltweite und regionale Sicherheit.

d) Sicherheit kann heutzutage nicht mehr allein auf nationaler Ebene gewährleistet werden. Die Erhaltung des Friedens erfordert vielmehr Strukturen kooperativer Sicherheit. Alle Länder in Europa sollten sich darum bemühen, gemeinsam rein defensive Sicherheitsstrukturen zu entwickeln und einzuführen. So könnte die Gefahr des Mißbrauchs nationalistischer Gefühle verringert werden, die im jeweiligen Land und in den Beziehungen zu anderen Ländern Spannungen und Konflikte verursachen und verschärfen.

e) Diejenigen, die in den Streitkräften mit dem Ziel dienen, Rechte und Freiheiten ihrer Völker zu schützen, sollten ihr Amt im Dienst des Weltfriedens ausüben. Gleichzeitig muß das Recht, den Militärdienst aus Gewissensgründen zu verweigern, als Teil der Religions-, Gewissens- und Gedankenfreiheit von allen Regierungen dadurch anerkannt werden, daß Möglichkeiten für einen angemessenen alternativen Zivildienst geschaffen werden. Kirchen und Gemeinden haben die Aufgabe, die zum Militärdienst einberufenen in ihrer Gewissensentscheidung zu beraten und ihnen seelsorgerische Hilfe anzubieten; dabei ist die Entscheidung des Einzelnen zu respektieren.

f) Der internationale Waffenhandel und der Export von Waffen und Waffentechnologie in Konflikt und Spannungsgebiete sollte eingestellt und in allen anderen Fällen strengsten Regeln und Vorschriften unterworfen werden. Es müssen Maßnahmen erarbeitet werden, um die Rüstungsindustrie in zivile Produktion umzuwandeln.

g) Ausdrücklich begrüßen wir das Schlußdokument der Wiener Nachfolgekonferenz der KSZE vom Januar 1989 und betonen ihre Bedeutung für den Fortgang und die Vertiefung des Entspannungsprozesses innerhalb Europas und zwischen der UdSSR und den USA. In bezug auf Menschenrechte, Religionsfreiheit und menschliche Kontakte sind wichtige Ergebnisse erzielt worden. Wir erkennen auch, daß Europa versäumt hat, jene Nationalitäten und Völker, die innerhalb von Staaten leben, in ihrem Recht auf Selbstbestimmung zu unterstützen und ihre je eigene Kultur, Tradition und Sprache zu fördern. Wir stimmen dem zu, daß Menschenrechte als Ganzes und in ihrem Verhältnis zueinander verwirklicht werden müssen, d. h. als politische, bürgerliche, soziale, wirtschaftliche und kulturelle Rechte. Wir wollen in unseren Ländern dafür sorgen, daß diese Rechte Anwendung finden, und ihrer Durchführung unsere besondere Aufmerksamkeit widmen. Wir sind davon überzeugt, daß zwischen den europäischen Ländern auf allen Ebenen der Gesellschaft menschliche Kontakte geknüpft werden sollten, und daß von nun an die Grenzen in Europa vor allem zwischen Ost und West mehr und mehr ihren trennenden Charakter verlieren sollten. Wir ermutigen die Kirchen dazu, die bestehenden Möglichkeiten zu nutzen und insbesondere Partnerschaften zwischen Gemeinden zu gründen.

h) Bei einem Blick in die Welt sehen wir mit großer Betroffenheit, daß einige Konflikt und Spannungssituationen andauern. Wir denken besonders an den Nahen und Mittleren Osten und das Mittelmeer, die Palästinafrage, die Lage im Libanon und auf Zypern. Wir bitten darum, alle Anstrengungen zur Überwindung dieser Konflikte und zur Lösung der anstehenden Fragen unter Wahrung der legitimen Forderungen aller zu unternehmen. Es sollten Bemühungen unternommen werden, diese Situationen zu entschärfen, so daß die Völker frei ihre politischen Entscheidungen treffen können und das friedliche Zusammenleben von Frauen und Männern unterschiedlicher Religion und Herkunft wieder ermöglicht und zu einem Zeichen der Hoffnung und des Friedens für alle wird.

Wir appellieren dringend an alle Christen in Europa, ihre Kirchen und Regierungen bei der Lösung dieser Probleme zu unterstützen.

i) Auf allen Ebenen in den Kirchen und der Gesellschaft muß die Erziehung zum Frieden entwickelt und gefördert werden mit dem Ziel der friedlichen Konfliktlösung. Zu jeder Zeit müssen gewaltfreie Alternativen bei der Konfliktlösung Priorität erhalten. Gewaltlosigkeit muß als aktive, dynamische und konstruktive Kraft verstanden werden, die von unbedingter Achtung vor der menschlichen Person ausgeht.

j) Wir fordern alle Christen in Europa auf, der Gewalt im täglichen Leben - in Familie, Schule und am Arbeitsplatz - zu widerstehen, besonders der Verherrlichung der Gewalt in den Massenmedien. Als Christen haben wir eine besondere Verantwortung für die Erziehung unserer Kinder. Sie können sich die Vision einer friedlichen und gerechten Welt ausmalen, solange sie wissen, daß sie von Erwachsenen bedingungslos geliebt werden. Die heute lebenden und handelnden Erwachsenen sind die verwundeten Kinder von gestern - die verwundeten Kinder von heute sind die Erwachsenen von morgen. Die Kinder sind unsere Zukunft und Hoffnung.
Die Rechte und Wünsche der Eltern bezüglich der Erziehung ihrer Kinder sollten respektiert werden. Insbesondere sollte die religiöse Überzeugung der Kinder voll anerkannt werden. Außerdem sollten Eltern das Recht haben, sich der militärischen oder vormilitärischen Erziehung zu widersetzen. Kinder dürfen nicht benachteiligt werden, wenn sie an solchem Unterricht nicht teilnehmen. Die Rechte der Kinder müssen von allen anerkannt und verteidigt werden.

 

87. Umwelt

a) Jede technologische Entwicklung muß daran gemessen werden, ob sie den oben genannten Kriterien der Verträglichkeit (s. 84a) entspricht. Das hat eine völlige Änderung des Konzepts von einem ständigen Wirtschaftswachstum zur Folge und bedingt eine neue Art unseres Umgangs mit den Schätzen der Natur.

b)Der verschwenderische Umgang mit Energie hat in den Industrieländern derartige Ausmaße erreicht, daß der Verbrauch jetzt unbedingt drastisch eingeschränkt werden muß. Einige Kirchen haben sich verpflichtet, für eine beträchtliche Reduzierung des Energieverbrauchs einzutreten. Wir wenden uns an alle europäischen Kirchen und Christen, im Rahmen ihrer Möglichkeiten dasselbe zu tun und die Entscheidungsträger in Politik, Technik und Wirtschaft unermüdlich zu wirkungsvolleren Energiesparmaßnahmen aufzufordern.

c) In besonderem Maße gilt dies für fossile Brennstoffe. Hier könnte eine Drosselung des Verbrauchs durch wirkungsvolle energiesparende Maßnahmen und die Entwicklung erneuerbarer Energiequellen (Sonne, Wasser, Wind) erreicht werden. Die notwendigen finanziellen Mittel könnten durch den geeignete Steuer aufgebracht werden. Kernkraft sollte nicht die Grundlage unserer künftigen Energieversorgung sein, weil damit zu viele soziale, technische, ökologische und militärische Risiken verbunden sind. Die Sicherheitsvorschriften für Atomkraftwerke sollten den höchsten internationalen Normen entsprechen.

d) Laut des Brundtland-Berichtes besteht die technische Möglichkeit, den Pro-Kopf-Energieverbrauch in den Industrieländern um fünfzig Prozent zu senken und den entsprechenden Verbrauch der Dritten Welt um dreißig Prozent anzuheben (Schätzwert nach voraussehbarem Bevölkerungsanstieg). Dadurch würde der gesamte weltweite Energieverbrauch nur unwesentlich erhöht. Dies ist die weltweit einzige Energieperspektive, die Bewahrung der Schöpfung und Gerechtigkeit miteinander verbindet. Dieser Ansatz sollte von den Christen in den Industrienationen ernsthaft geprüft werden, zumal der Brundtland-Bericht die Öffentlichkeit gegenüber den ökologischen Fragen beträchtlich sensibilisiert und auch in wissenschaftlichen Kreisen große Beachtung gefunden hat.

e) Es müssen dringend besondere Maßnahmen ergriffen werden, um die Ozonschicht zu schützen, dem Treibhauseffekt entgegenzuwirken, den noch bestehenden Regenwald zu erhalten und die Ausbreitung der Wüstengebiete zu verhindern.

f) Es besteht dringender Bedarf für eine internationale überprüfbare Regelung für die Beseitigung von Abfällen, besonders von nuklearem und anderem gefährlichen Sondermüll. Unter keinen Umständen sollten europäische Länder ihre Abfälle auf Kosten anderer Länder in ihren eigenen oder internationalen Gewässern versenken. Besondere Aufmerksamkeit verdient hier die Frage von Atommüll (z. B. Versenkung im Pazifik).

g) Internationale Vereinbarungen über grenzüberschreitende Emissionen müssen unbedingte Priorität für alle europäischen Länder haben, damit eine weitere Verschmutzung von Wasser, Luft und Boden verhindert und bereits entstandener Schaden beseitigt wird.

h) Wir brauchen eine strenge Gesetzgebung und Kontrolle für die Genforschung und -manipulation sowie Verhaltenskodizes für diese Bereiche. Auch für die Kirchen ist es dringend erforderlich, sich weiterhin mit den jüngsten Entwicklungen im Bereich der Biotechnik auseinanderzusetzen, um entsprechende ethische Leitlinien über die Auswirkungen auf den Wert des Lebens - nicht nur des Menschen, sondern aller Lebewesen und der Natur überhaupt - bereitzustellen.

i) Dringlich geworden sind ferner Maßnahmen zur Erhaltung der Vielfalt der Arten und der Vielfalt des genetischen Materials innerhalb der Arten. Hier können die Kirchen wesentlich dazu beitragen, dieses Problem ins Bewußtsein zu rücken. Ein erster Schritt in diese Richtung ist die UNO-Weltcharta für die Natur von 1982.
Der nächste Schritt wäre eine internationale Konvention zum Schutz der Arten, wie die International Union of Nature and Natural Resources vorschlägt. Es sollten finanzielle Abkommen geschlossen werden, die sicherstellen, daß die Länder vor allem der armen Welt einen gerechten Anteil an Gewinn und Ertrag aus der Entwicklung dieser Arten erhalten.
Für uns als Christen zeigt sich in der Artenvielfalt die Freigebigkeit Gottes, des Schöpfers.

j) Ein Dialog mit Wissenschaftlern über ökologische Fragen und eine Studie solcher Quellen wie des Brundtland-Berichtes sind zu empfehlen.

Wir fordern alle Christen in Europa auf, ihren Kirchen und Regierungen bei der Durchführung dieser Maßnahmen zu helfen und sie darin zu bestärken. Alle fordern wir auf, einen neuen Lebensstil annehmen, der der Umwelt so wenig Schaden wie möglich zufügt. Das bedeutet: weniger Energie verbrauchen, öffentliche Verkehrsmittel benutzen und weniger Abfall erzeugen. Kommunalverwaltungen können eine „ökologische Buchführung" einführen. Wir müssen lernen, daß unser Glück und unsere Gesundheit weniger von materiellen Gütern abhängen als von den Gaben der Natur und von unseren Mitgeschöpfen, von menschlichen Beziehungen und von unserer Beziehung zu Gott.


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